Filmkritik "Generation Wealth"

Kino-Dokumentation : Das Leben der Superreichen

„Generation Wealth“ dokumentiert das Entstehen der Protz-Kultur.

Der Film ist etwa zur Hälfte rum, da beginnt man mit sich selbst zu kämpfen, denn was man zu sehen bekommt, ist harte Kost – aus ethischer Sicht zumindest. Eine Mutter spricht in die Kamera, sie hat viele Schönheits-OPs hinter sich, sie sieht nur noch entfernt aus wie die Frau auf den alten Fotos. Plötzlich fängt sie an zu weinen, und wahrscheinlich tut es ihr weh, das gestraffte Gesicht zu verziehen. Sie erzählt von ihrer Tochter, die sich das Wort „Dead“ in die Stirn geritzt hat. Warum, fragt die Mutter, warum verunstaltet jemand seinen Körper auf diese Art?

„Generation Wealth“ heißt der Dokumentarfilm der Fotografin Lauren Greenfield, der vom Leben der Superreichen und vom Einfluss dieses Lebensstils auf die Popkultur erzählt. Greenfield begleitet die Wohlhabenden seit Jahren, und sie zeigt Fotos, die sie in den frühen 1990er Jahren in einer Highschool in Santa Monica gemacht hat. Darauf sieht man eine zwölf Jahre alte Kim Kardashian. Sie und ihre Mitschüler inszenieren sich als Jeunesse dorée; Körperkult und codierte Umgangsformen inklusive.

Das ist denn auch der interessanteste Teil dieser Produktion. Bret Easton Ellis kommt zu Wort, dessen Roman-Meisterwerk „Unter Null“ (1985) über die gelangweilten Kinder wohlhabender Kalifornier so etwas wie der Auslöser von Greenfields Recherchen war. Das Leben der Superreichen, sagt er, habe weltweit Eingang in die alltägliche Vorstellungswelt gefunden. Spuren davon finden sich in Serien, Filmen und Musikvideos. Das Ergebnis ist, dass nun viele meinen, sie würden sich nur dann gut fühlen, wenn sie das neueste Smartphone besitzen, einen BMW fahren und ihr Aussehen optimieren. Es fällt dieser Satz: „Status ist der neue Doktortitel.“

Ein Wissenschaftler erklärt, wie eine Werteverschiebung nach der Reagan-Regentschaft stattgefunden habe: Wohlstand hatte zuvor durch harte Arbeit gleichsam verifiziert werden müssen. Heute zählten die Insignien des Reichtums als Wert an sich – auch, wenn man gar kein Geld hat. Der frühere Hedgefondsmanager Florian Homm sagt stolz, dass er wie Gordon Gekko war, jene Figur, die Michael Douglas in „Wall Street“ darstellte – nur in echt. Greenfield führt ihre These bis in die Gegenwart, wo der mächtigste Mann der Welt wie eine Verkörperung dieses Prinzips anmutet. Sie dokumentiert die Pervertierungen des American Dream, die über Plattformen wie Instagram fortgeschrieben wird. Was indes nicht so richtig aufgeht, ist der autobiografische Erzählstrang. Greenfield berichtet von ihrer Familie, vom Abstand, der zwischen ihr und ihren Kindern und Eltern liegt. Das wäre einen eigenen Film wert gewesen, führt in diesem Kontext aber etwas ins Abseits und verwässert die Schlussfolgerungen.

Generation Wealth, USA 2018 – Regie: Lauren Greenfield, 106 Min.

Mehr von RP ONLINE