Filmkritik "Deutschstunde" nach Siegfried Lenz

50 Jahre nach Erscheinen des Romans : Pflichtbewusste Klassikerverfilmung

Die Kinofassung der „Deutschstunde“ nach dem Roman von Siegfried Lenz bleibt allzu nah an der Vorlage. Das ist schade.

„Deutschstunde“ von Siegfried Lenz gilt als eines der wichtigsten literarischen Werke der alten Bundesrepublik und gehört auch heute noch zur Schullektüre. Mit seinem Roman begab sich Lenz gezielt an die Peripherie des Landes und erzählte vor der Kulisse eines nordfriesischen Küstendorfes von der Freundschaft eines Polizisten und eines Malers, die an den politischen Verhältnissen im Dritten Reich zerbricht. Zwischen den beiden Männern steht ein elfjähriger Junge, aus dessen Perspektive die Geschichte retrospektiv erzählt wird. Schon bei seinem Erscheinen im Jahre 1968 wurde der Roman einerseits als Weltliteratur gefeiert, andererseits die allzu zaghafte Art kritisiert, in der sich Lenz moralisch, aber nicht politisch mit der NS-Vergangenheit auseinandersetze. Die Erstveröffentlichung fiel in die Zeit der Studentenrevolte, die sich eine unnachgiebige Abrechnung mit dem Faschismus auf die Fahnen geschrieben hatte.

Vor fünf Jahren geriet der Roman erneut in die Diskussion. Überaus deutlich hatte Lenz die Figur des verfolgten Künstlers Nansen an den Maler Emil Nolde angelehnt, dessen Werke von den Nazis in großer Zahl als „entartete Kunst“ konfisziert wurden. Nach dem Zweiten Weltkrieg hatte sich Nolde als verfolgter Künstler in Szene gesetzt, und auch nach seinem Tod haben die Nachlassverwalter diese Erzählung aufrecht erhalten. Erst die Öffnung der Archive 2014 und die diesjährige Ausstellung im Hamburger Bahnhof brachten die Wahrheit ans Licht: Nolde war ein bekennender Nationalsozialist und glühender Antisemit, der sich immer wieder dem Regime anzubiedern versuchte. Damit geriet auch die „Deutschstunde“ in die Diskussion, denn auch wenn es sich bei dem Roman um ein fiktionales Werk handelt, hat er im kulturellen Diskurs Noldes selbstinszenierte Legendenbildung entscheidend befördert.

50 Jahre nach seinem Erscheinen bringt Christian Schwochow „Deutschstunde“ auf die Kinoleinwand und lässt sich von den aktuellen Diskussionen nicht beirren. Abgesehen von der notwendigen Verknappung orientiert sich seine Adaption eng am Geist der Vorlage und verstärkt den exemplarischen Charakter der Erzählung. Allein die Uniform des Dorfpolizisten Jens Ole Jepsen (Ulrich Noethen) scheint die Handlung im konkreten historischen Rahmen zu verorten. Hakenkreuzfahnen bleiben außen vor.

Vielmehr verschmelzen hier der weite, wolkige Himmel, die Wattlandschaften, die einsamen Deiche der Nordseeküste zu einer eigenen apokalyptischen Naturkulisse, über der die Möwen gelegentlich wie Sturzkampfbomber kreisen. Noch stärker als der Roman konzentriert sich der Film auf die Erzählperspektive des elfjährigen Siggi Jepsen (Levi Eisenblätter), dessen Vater auf dem nördlichsten Polizeistützpunkt des Landes seinen Dienst verrichtet. Aus der Reichskulturkammer in Berlin kommt der Befehl, der dem örtlichen Künstler Max Ludwig Nansen (Tobias Moretti) ein Malverbot erteilt. Dessen Gemälde wurden als „entartet“ klassifiziert und der Dorfpolizist soll die Einhaltung des Verbotes überwachen.

Jepsen ist ein pflichtversessener Mann. Auch wenn er seit seiner Kindheit mit Nansen befreundet ist, bleibt er fest entschlossen den Befehl aus Berlin in die Tat umzusetzen. Er versucht den eigenen Sohn, der bei seinem Patenonkel Nansen ein- und ausgeht, als Spion einzusetzen. „Brauchbare Menschen müssen sich fügen“ sagt Jepsen.

Aber der kleine Siggi kommt in Loyalitätskonflikte zwischen dem Vater, dem er gehorchen soll, und dem Maler, dessen Bilder große Faszinationskraft auf ihn ausüben. Er wird hineingezogen in den Konflikt der Männer, die als Antipoden aufgebaut sind. Nur gelegentlich bricht die Plakativität der Gegensätze auf.

Allzu werkgetreu sind auch die weiblichen Charaktere geraten, die als Schmerzensfrauen das männliche (Fehl-)Verhalten weitgehend tatenlos spiegeln. Schwochow inszeniert die dramatischen Ereignisse im dörflichen Mikrokosmos mit reduziertem Personalaufwand fast schon als Kammerspiel, um dann den scharf konturierten Charakteren und engen Innenräumen immer wieder gewaltige Landschafts- und Naturaufnahmen gegenüber zu stellen, welche die Geschehnisse metaphorisch reflektieren.

Gerade in visueller Hinsicht ist „Deutschstunde“ ein Film, der für die große Kinoleinwand gemacht ist – und das kann man zur Zeit nur von wenigen deutschen Produktionen behaupten. Mit offensiver Werktreue und filmischer Kraft besteht Schwochow auf die exemplarische Fiktionalität des Stoffes und schirmt die Figur des Malers Nansen gezielt vom aktuellen Nolde-Diskurs ab. Die Gemälde, die für den Film angefertigt wurden, weisen keinerlei Ähnlichkeiten zu Noldes Werk auf. Vielleicht ist diese Distanzierung vom Vorbild für eine Verfilmung der einzig gangbare Weg. Trotzdem bleibt das Gefühl, dass unter der Oberfläche ein anderer, interessanterer Film schlummert. Ein Film, der Emil Nolde als Opportunisten zeichnet, dessen Liebe zum Nationalsozialismus von der Obrigkeit nicht erwidert wurde. Ein Film, der das Kalkül zeigt, mit dem sich der Maler nach dem Krieg als Opfer inszenierte.

Deutschstunde, Deutschland 2019 – Regie: Christian Schwochow, mit Ulrich Noethen, Tobias Moretti, Levi Eisenblätter, 125 Min.

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