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Filmkritik "Der Unsichtbare" mit Elisabeth Moss

Elisabeth Moss groß in Form : Gewalttätige Trennungsgeschichte

In „Der Unsichtbare“ flieht eine Frau vor ihrem gewalttätigen Partner.

(dpa) Die MeToo-Debatte hat den Horrorfilm erreicht. Mit „Der Unsichtbare“ kommt ein Film in die Kinos, der eine nicht ganz unähnliche Geschichte wie die des ehemaligen Filmmoguls Harvey Weinsteins erzählt. In Leigh Whannels Science-Fiction-Horrorfilm manipuliert ein erfolgreicher Mann sein Umfeld und missbraucht seine Frau psychisch und physisch.

In Wahrheit geht es aber eigentlich um sie – Cecilia, gespielt von der herausragenden Elisabeth Moss („Mad Men“, „The Handmaid’s Tale“). In einer stürmischen Nacht flieht die junge Frau vor ihrem gewalttätigen Partner – natürlich nicht ohne ihn am Ende doch noch zu wecken und erst in letzter Sekunde im Wagen ihrer Schwester entkommen zu können. Obwohl man als Zuschauer ahnt, dass die Flucht gelingen muss, ist die Szene eine der spannendsten des Films. Dabei helfen die gut platzierten, düsteren musikalischen Effekte und das hohe Identifikationspotenzial mit der Protagonistin.

Als sich ihr Ex Adrien (sehr charismatisch: Oliver Jackson-Cohen) danach das Leben nimmt, könnte für Cecilia Frieden einkehren. Aber im Haus eines Freundes, in dem sie Zuflucht gefunden hat, mehren sich die unheimlichen Geschehnisse. Denn Cecilias Ex ist nicht wirklich tot. Vielmehr hat er einen neuen Weg gefunden, um sie zu terrorisieren. Seine unsichtbare Omnipräsenz in ihrem Leben zeichnet für den Zuschauer anschaulich und sehr eindringlich nach, wie es sich anfühlen muss, in Angst vor dem eigenen (Ex-)Partner zu leben.

Während sich Cecilia nach ihrer Flucht nicht mal mehr auf die Straße traut, muss sie im Angesicht der Gefahr bald ihre Ohnmacht überwinden. Man könnte dem Film vorwerfen, dass es erst die Gewalt des Mannes braucht, damit die Frau zu ihrer Stärke findet. Doch der Film windet sich geschickt heraus aus solchen Zuschreibungen: Die zunächst so stringente Horrorgeschichte über das Opfer von männlicher Gewalt gerät nach spannenden Twists der Handlung ins Wanken. Wie der unsichtbare Mann, so ist auch die Erzählung schwer zu fassen. In dieser Uneindeutigkeit liegt die große Stärke des Films – denn er lässt sich nicht auf eine Erzählvariante festlegen, hinterfragt Stereotype und Narrative.

Regisseur Leigh Wannell hatte sich Anfang des Jahrtausends zunächst als Darsteller und Drehbuchautor, etwa in „Matrix Reloaded“ und für „Saw“ einen Namen gemacht. Sein Regie-Debüt gab er mit „Insidious: Chapter 3“. Sein neuer Film nun, eine moderne Version der gleichnamigen Buchvorlage von H.G. Wells aus dem Jahr 1897, reißt viele Themen an: Psychische Krankheiten und die Übermacht der Technik etwa.

So akribisch Cecilia in einer Szene aber auch die Kamera ihres Laptops abkleben mag, sie wird aus allen Winkeln beobachtet. Zunächst in der einsamen High-Tech-Festung ihres Mannes, der sie entflieht, später schier überall. Die Technik wird durch die Erfindungen des diabolischen Wissenschaftlers Adrien zur Waffe und Bedrohung. Die Auseinandersetzung mit dem Thema bleibt aber eher oberflächlich und kommt wenig innovativ daher.

Eine weitere Schwachstelle des Films sind die zum Teil trashigen und oft unnötig brutalen Gewaltszenen. Die hat „Der Unsichtbare“ nicht nötig: Der Film erzeugt dank der spannenden Erzählung auch so sehr viel Gruselfaktor.

Der Unsichtbare, USA, Australien 2020 – Regie: Leigh Whannell, mit Elisabeth Moss, Oliver Jackson-Cohen, Aldis Hodge, 125 Min.

(dpa)