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Filmkritik: Der Nebelmann mit Jean Reno in der ZDF-Mediathek

„Der Nebelmann“ im ZDF : Ein Mädchen ist verschwunden

Kriminalfall in einem abgelegenen Dorf: Jean Reno ist in diesem hochklassigen französischen Film als Psychologe zu erleben. Zu sehen in der ZDF-Mediathek.

Die Straße führt durch das Tal ins Dorf hinein und endet dort. Die kleine Gemeinde Avechot in Südtirol hat nur noch wenig mit dem Rest der Welt zu tun. Früher kamen die Menschen aus der Stadt, um Urlaub zu machen. Aber dann hat man in der Gegend ein fluoreszierendes Mineral gefunden, dessen Abbau lukrativer ist als der Tourismus. Der Besitzer des Gasthofes will sein Geschäft aufgeben. „Schließen Sie nicht“, sagt Sonderermittler Vogel (Toni Servillo), „hier kommen bald viele Leute hin“. In Avechot ist die 16 Jahre alte Anna Lou auf dem kurzen Weg von ihrem Haus zum Gemeindesaal spurlos verschwunden. Vogel weiß, dass hier bald die Reporter und Fernsehteams auftauchen werden.

Der bekannte Kriminalbeamte ist durch einige spektakuläre Fälle selbst zum Medienstar geworden und begreift die Macht der TV-Kameras auch als eigenes Ermittlungsinstrument. Durch die mediale Berichterstattung soll Druck aufgebaut und der Täter zu Fehlern verleitet werden. Vor allem aber dient das PR-Konzept des erfahrenen Sonderermittlers der eigenen Selbstbespiegelung. Dass in diesem Fall für Vogel nicht alles glatt gelaufen ist, weiß das Publikum schon früh in Donato Carrisis verschlungenem Kriminalfilm „Der Nebelmann“, der in der Reihe „Europäisches Kino“ im ZDF ausgestrahlt wird. Denn der eitle Polizist wird in der Rahmenhandlung zu Beginn auf dem Revier von dem Psychologen Augusto Flores (Jean Reno) befragt. Vogel war in einen Unfall verwickelt, aber das Blut auf seinem blütenweißen Hemd stammt nicht von ihm. Statt die Herkunft der Flecken zu erklären, rollt er den Fall des verschwundenen Mädchens im Verhörzimmer noch einmal auf.

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Mit der Arroganz des erfahrenen Profis stolzierte der Ermittler in das abgelegene Dorf, in dem jeder jeden kennt, aber keiner in der Nacht des Verschwindens etwas gesehen haben will. Im Grunde ist Vogel schon bald klar, dass das Mädchen wahrscheinlich nicht mehr am Leben sein wird. Umso wichtiger ist es für ihn, einen Täter  präsentieren zu können, bevor die Leiche der Vermissten gefunden wird. Ob der Verdächtige auch tatsächlich der Entführer ist, scheint dabei für Vogel fast Nebensache zu sein.

Dabei ist diese Strategie schon einmal schief gegangen. In einem anderen spektakulären Fall hat der Sonderermittler einen Verdächtigen mit Indizien für Jahre hinter Gitter gebracht, bis neue Beweise dessen Unschuld belegten. Umso größer ist der Erfolgsdruck für den Kriminalisten, dessen Selbstbewusstsein unangreifbar zu sein scheint.

Hauptdarsteller Toni Servillo ist für den italienischen Film das, was Lars Eidinger vielleicht einmal in 20 Jahren für das deutsche Kino sein wird: ein Tausendsassa, ein Getriebener, der durch seine kreative Ruhelosigkeit zur Ikone aufgestiegen ist. In Paolo Sorrentinos „Il Divo“ (2008) spielte er den ehemaligen Ministerpräsidenten Giulio Andreotti als leibhaftigen Politikerteufel, in Matteo Garrones „Gomorra“ den gewissenlosen Mafiaboss und in dem oscarprämierten „La Grande Belezza“ den hedonistischen Kulturjournalisten.

In „Der Nebelmann“ legt Servillo jedoch alle Tour-De-Force-Allüren ab und überzeugt durch eine absolut kontrollierte Performance, in der er den Narzissmus seiner Figur mit minimalistischer Perfektion herausarbeitet. Sein schauspielerischer Stil passt zur filmischen Erzählung, zu der Regisseur Carrisi sowohl die Romanvorlage wie das Drehbuch geschrieben hat. Während in deutschen TV-Krimis die Auflösung des Falles oft nur ein Nebenschauplatz zu sein scheint, entwirft „Der Nebelmann“ geradezu meisterhaft ein Geflecht aus Verdächtigungen, falschen Fährten und plötzlichen Plotwendungen.

Ein fein gearbeitetes, stimmig inszeniertes Genrestück, das seine subtile Spannung bis zur finalen Enthüllung aufrecht erhält.

Info „Der Nebelmann“ steht in der ZDF-Mediathek.