Filmkritik "Bungalow" von Ulrich Köhler

Kinofilm „Bungalow“ : Helden der Lethargie

„Bungalow“, fürs Fernsehen gedrehter Debütfilm von Ulrich Köhler, kommt ins Kino.

(kna) Der erste Spielfilm von Ulrich Köhler reiht sich in die Staffel jüngerer deutscher Arbeiten ein, die mit minimalistischen Mitteln, leise und unter weitgehendem Verzicht auf äußere Handlung das Lebensgefühl junger Deutscher am Beginn des neuen Jahrtausends zu beleuchten versuchen. Es sind seismografische Filme für ein aufgeschlossenes, aufmerksames Publikum, das sich Zeit nimmt für die Wahrheit hinter den Oberflächenreizen. Nun kommt er nach 17 Jahren noch einmal ins Kino.

Hauptfigur ist der 19 Jahre alte Rekrut Paul, der sich auf dem Rückweg von einem Manöver von der Truppe entfernt und im Bungalow seiner Eltern in der hessischen Provinz verkriecht. Lennie Burmeister spielt ihn introvertiert, mit herabhängenden Schultern, weicher Stimme und heller Haut. Er verleiht seinem Helden eine merkwürdig trotzige Müdigkeit, eine dem Alter eigentlich unangemessene Lethargie.

Sie mag auch als Signal dafür stehen, wie sehr die Aufbruchstimmung der 1990er Jahre der Vergangenheit angehört: Die Beschwörung von Geld, Glück und „New Economy“ ist einem heillosen Katzenjammer gewichen, und in der Figur Pauls scheint sich diese gesellschaftliche Stimmung verdichtet zu haben. Weil er kein Ziel sieht, ist er antriebslos. Zugleich markieren gelegentliche Ausbrüche, etwa wenn er sich aus heiterem Himmel mit einem Schulfreund prügelt, eine unerwartete Aggressivität. In diesen Momenten wirkt Paul wie ein ruhender Vulkan, dessen Eruptionen man nie genau vorherzubestimmen vermag: Er kann sich den Regeln fügen, aber auch ins Gefährliche umschlagen. Alles ist offen.

Vor Lena, der dänischen Freundin seines zufällig auch im Bungalow auftauchenden älteren Bruders, vollführt Paul einen prahlerischen Kopfsprung in den Swimmingpool. Später setzt er alles daran, mit der sinnlichen, blonden Frau zu schlafen; weniger um den Bruder zu ärgern als um die unbestimmte Sehnsucht nach mütterlicher Geborgenheit einerseits und dem Erwachsensein andererseits zu befriedigen. Auch andere Handlungen und Haltungen Pauls sind ambivalent, wobei der Film die Schwebezustände knapp und präzise vorführt, ohne dem Zuschauer Erklärungen aufzuzwingen.

Über den Film „Bungalow“ zu sprechen, bedeutet auch, die Kamera von Patrick Orth zu loben. Fast keine Einstellung ist zu viel, kein Schwenk sinnlos; andererseits drängen sich die Kamerabewegungen nie in den Vordergrund oder werden manieristisch.

Aus einem Kompendium der genauen Andeutungen fallen nur wenige Szenen durch vordergründige Symbolik heraus. Gut anzusehen, aber überflüssig ist jenes Motiv, das Paul an der Tür zum Bungalow zeigt, dessen zersprungene Milchglasscheibe er mit Heftpflaster notdürftig zusammengeflickt hat: Die Anordnung der Pflasterstreifen wirkt wie eine riesige Spinne, die den jungen Mann fest im Griff zu haben scheint. Nicht nötig auch der Verweis auf einen Explosionsunfall im Ort oder, in der letzten Totalen, der Tankwagen, der sich auf einem Parkplatz vor den Jeep der Feldjäger schiebt, die von Paul benachrichtigt wurden und ihn nun abholen.

Wie sehr sich in diesem stillen Jungen ein explosives Gemisch angesammelt hat, das gebändigt werden kann – oder auch nicht –, müsste der Zuschauer bis dahin längst begriffen haben, auch ohne den nochmaligen deutlichen Fingerzeig.

Bungalow, Deutschland 2002 – Regie: Ulrich Köhler, mit Lennie Burmeister, Devid Striesow, 85 Min.

(kna)
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