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Filmkritik "Blackbird" mit Susan Sarandon

Familientragödie : Am Sonntag möchte Mama sterben

In „Blackbird“ brilliert Susan Sarandon als schwerkranke Frau, die ein letztes Wochenende mit der Familie verbringt. Obwohl sich alle um Harmonie bemühen, dauert es nicht lange, bis die ersten Konflikte zutage treten.

Als der erste Morgen ein wenig schleppend beginnt, tritt Lily an die Treppe, die zu den Gästeschlafzimmern führt, und ruft: „Ich bin bald tot. Kommt ihr bitte runter!“ Spätestens da weiß der Zuschauer, was Sache ist.

„Blackbird“ heißt der neue Film von „Notting Hill“-Regisseur Roger Michell, der mit der Londoner Stadtteil-Idylle aus dem Jahr 1999 zwar die ästhetischen Einstellungen und ausgesuchten Arrangements teilt, das Thema Liebe aber doch von einer ganz anderen Seite betrachtet, nämlich vom Ende her. Die Hauptrolle spielt Susan Sarandon, sie ist Lily, eine Frau von Mitte 60, und Lily ist an Multipler Sklerose erkrankt. Sie kann zwar noch laufen, die Treppe schafft sie jedoch schon nicht mehr ohne Hilfe, und nachts muss sie ans Beatmungsgerät. Lily hat beschlossen, dass sie sterben möchte, bevor sie nicht mehr in der Lage ist, ihr Leben selbst zu beenden. Ihr Mann Paul (Sam Neill) ist Arzt, er hat das Mittel besorgt, das Lily am Sonntagabend einnehmen wird, bevor er zu einem Spaziergang aufbricht. Verabredet ist, dass er überrascht sein soll, wenn er heimkehrt und seine Frau tot im Bett findet.

Das ist nun also das letzte Wochenende, zu dem Lily all jene in ihr Haus am Meer eingeladen hat, die sie liebt. Ihre beste Freundin Liz (Lindsay Duncan), die älteste Tochter (Kate Winslet) samt Mann und halbwüchsigem Sohn sowie die jüngste Tochter (Mia Wasikowska) mit ihrer Lebensgefährtin.

Zu den Bildern vom allein stehenden und ziemlich edlen Holz- und Glashaus, das nur durch einen schmalen Streifen Sand vom Ozean getrennt wird, erklingt zunächst Streicherschmalz in Moll. Dann wechselt Lily den Sender im Küchenradio. Pop, bitte: Die nächsten Tage sollen heiter werden.

Es geht zwar um Sterbehilfe, die in dem US-Staat, in dem die Handlung spielt, nicht legal ist, wie dem Zuschauer bald mitgeteilt wird. Aber das Thema bildet lediglich den Prospekt, vor dem die Figuren ein Kammerspiel aufführen, in dem andere Fragen im Mittelpunkt stehen. Emotion überlagert Ethik: Was bleibt von mir? Was kann ich dafür tun, dass diejenigen, die übrig bleiben, einander weiterhin mögen? Und kann man Liebe über den Tod hinaus konservieren?

Roger Michell schickt seine Darsteller in eine Laborsituation, und am Anfang bemühen sich noch alle um Harmonie. Rasch treten jedoch die Konfliktlinien zutage: Jeder ist hier nämlich auf seine eigene Weise unglücklich. Die jüngste Tochter ist psychisch labil, die älteste leidet unter Kontrollzwang, nicht alle sind einverstanden mit der Entscheidung der Mutter, und es könnte sein, dass der Vater und die beste Freundin der Mutter ein Verhältnis miteinander haben. Nur Geldprobleme gibt es nicht.

Manchem mag die Konstellation bekannt vorkommen, und tatsächlich ist „Blackbird“ das US-Remake einer dänischen Produktion. Bille August brachte „Silent Heart – Mein Leben gehört mir“ bereits vor sechs Jahren ins Kino. Für Kontinuität sorgt sein Drehbuchautor Christian Torre, der auch die Neuauflage geschrieben hat.

Über weite Strecken ist das ein Familienfilm, der heiter und unbeschwert anmutet, überhaupt weht ein sympathischer Geist durch die Szenerie. Sehr schön ist etwa jene Szene, in der die Versammlung am Strand spazieren geht und Susan Sarandon zu ihrer biederen und stets um Contenance bemühten Ältesten sagt: „An dieser Stelle wurdest Du gezeugt.“ Als deren Ehemann merkt, wie seine Frau diese Bemerkung aus der Fassung bringt, rettet er die Situation so: „Wundert mich nicht, dass Du von so einem schönen Ort kommst.“ Aber solche Augenblicke enden meist mit einem Signal, durch das die Endlichkeit sich Aufmerksamkeit verschafft: Lily lässt ein Glas fallen oder verschluckt sich am Essen.

Die Produktion, die bisweilen allzu kaschmir-selig anmutet, hat einige Makel. Sam Neill etwa darf kaum einen Satz sagen, er fungiert eher als stille Stütze im Korsett der Handlung.  Sein Talent wird verschwendet. Die von Kate Winselt gespielte älteste Tochter ist reines Klischee. Und dass Susan Sarandon sagt, sie sei in Woodstock gewesen, hätte auch nicht unbedingt dadurch beglaubigt werden müssen, dass sie die Familie zum gemeinsamen Kiffen auffordert - mit viel härterem Zeug natürlich, als es die jungen Leute im Gepäck haben.

Trotzdem berührt diese Geschichte, und das liegt vor allem am Zusammenspiel von Lily und ihrer besten Freundin. Die Szene, in der Lily im Abendkleid zum Essen erscheint, ist ganz einfach, sie ist ganz leise und geht trotzdem zu Herzen, weil plötzlich klar ist, dass das Schöne tragisch wird, wenn ihm keine Dauer vergönnt ist. Und auch die wenigen Szenen, die Sarandon und Duncan alleine miteinander haben, sind toll. Freundschaft bis in den Tod, wer hat das schon.

Das Lied kommt nicht vor, aber wer „Blackbird“ sieht, könnte danach einen Ohrwurm von dem Beatles-Song gleichen Namens haben. Das Stück ist unheimlich schön und sehr traurig, und es geht so: „You were only waitin’ for this moment to be free.“

Blackbird – Eine Familiengeschichte, USA, Großbritannien 2019 – Regie: Roger Michell, mit Susan Sarandon, Kate Winslet, Mia Wasikowska, Sam Neill, 97 Min.