Filmkritik "Anna" von Luc Besson

Neuer Film von Luc Besson : Profikillerin im Krieg der Klischees

„Anna“ heißt das neue Action-Spektakel von Luc Besson. Die Produktion zeigt, wie anachronistisch der Altmeister inzwischen wirkt.

Nach seinem extravaganten, sehr kostspieligen und wenig erfolgreichen Science-Fiction-Spektakel „Valerian – Die Stadt der tausend Planeten“ begibt sich Luc Besson mit „Anna“ wieder auf abgesichertes Terrain. Die Story ist fast eine Blaupause seines Erfolgsfilms „Nikita“, mit dem der französischen Regisseur und Produzent 1990 Hollywood vorführte, dass das europäische Kino im Fachbereich „Action“ auf dem internationalen Markt bestehen konnte. Weibliche Action-Heldinnen waren damals immer noch eine Seltenheit, und Besson entwarf mit voyeuristischem Geschick das sexualisierte Bild einer wehrhaften, starken Frauenfigur, die sich in knapper Trikotage durch das männerdominierte Genre mordete. In „Angel A“ (2005) und „Lucy“ (2014) kochte Besson mit ähnlicher Rezeptur.

Und auch in „Anna“ wird eine junge Frau aus prekären Verhältnissen als Killerin vom Geheimdienst rekrutiert und versucht, sich von den Fesseln ihrer Auftraggeber zu befreien. Supermodel Sasha Luss spielt hier die russische Matrjoschka-Verkäuferin, die auf einem Markt von einem Talent-Scout entdeckt wird und in Paris als Model rasant Karriere macht. Aber wie sich bald nach den ersten gezielten Todesschüssen auf einen Waffenhändler herausstellt, ist das Leben auf dem Laufsteg nur eine schicke Tarnung für die KGB-Agentin.

Ende der 1980er Jahre ließ sich Anna vom Geheimdienstler Alex (Luke Evans) anwerben, um dem sozialen Elend als Waisenmädchen, Prostituierte und Drogensüchtige zu entfliehen. Dessen Vorgesetzte Olga (Helen Mirren) hat starke Vorbehalte gegen die neue Mitarbeiterin. In den ersten Einsatz wird Anna zur Bewährung mit ungeladener Waffe in ein Restaurant geschickt und muss ihre Gegner reihenweise im Nahkampf mit Messer, Gabel und zerbrochenen Tellern erledigen. Fünf Jahre soll sie für ihr Land spionieren und morden, um nach dem Zeitvertrag in die ersehnte finanzielle Unabhängigkeit entlassen zu werden. Natürlich lässt man die höchst erfolgreiche Killerin nicht gehen und schließlich versuchen die Kollegen vom CIA Anna als Doppelagentin anzuwerben.

Wie in den Vorgängerwerken, die weibliche Vornamen im Titel trugen, zitiert sich Besson auch in „Anna“ vorwiegend selbst. Dagegen ist urheberrechtlich nichts einzuwenden, aber dieser Film zeigt deutlich, wie sehr die Zeit an Besson vorbeigegangen ist. Deutlich antiquiert wirkt das Bild der sexy Kampfamazone, das hier ohne lästige, charakterdefinierende Beigaben überstrapaziert wird. Da ist man heute auch im Mainstreamkino, was die Ausdifferenzierung starker Frauenfiguren angeht, doch schon ein paar Schritte weiter.

Auf fast schon peinliche Weise fetischisiert Besson die Figur der schönen Profikillerin, die in Nylons mordet und auch gerne in hitzigen Beischlafszenen gezeigt wird. Sasha Luss trägt Schalldämpferknarren und wechselnde Perücken zwar mit gebührender Model-Eleganz, kann aber auf der Leinwand nicht genug Charisma entfalten, um der Stereotypisierung ihrer Figur entgegen zu wirken. Neben den Geschlechterklischees türmt Besson auch alle verfügbaren Russen-Klischees übereinander und sorgt mit einer Rückblendendramaturgie, die das Geschehen noch einmal aus einem anderen Blickwinkel erzählt, für mäßige Überraschungseffekte.

Einziger Lichtblick: Die großartige Helen Mirren als KGB-Vorgesetzte mit Hornbrille. In jeder Szene möchte man mit ihr durchbrennen. Weit weg. Vielleicht in einen anderen Film, der so eine coole Frau wirklich verdient.

Anna, Frankreich 2019 – Regie: Luc Besson, mit Sasha Luss, Helen Mirren, Luke Evans, Cillian Murphy, 119 Min.

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