Film zum Musical: "Ich war noch niemals in New York" von Udo Jürgens

Wiederbelebung des Musikfilms : Mit Udo Jürgens nach New York

Jetzt gibt’s den Film zum Musical: „Ich war noch niemals in New York“ ist schrill, ironisch und will vor allem eins: viele Songs liefern.

Mehr als 1000 selbst komponierte Lieder. Über 50 Alben. 105 Millionen verkaufte Tonträger. 57 Dienstjahre auf der Konzertbühne. Udo Jürgens war ein Mann der Superlative im deutschen Showgeschäft. Die bundesdeutsche Nachkriegsgesellschaft hat viele Schlagersänger hervorgebracht, aber Udo Jürgens war eine Liga für sich: musikalisch, textlich und in der Art, wie er sich ohne Anbiederung in die Herzen des Massenpublikums hineingesungen hat.

Natürlich bekam er auch sein eigenes Musical, das nach der Premiere in Hamburg 2007 zehn Jahre auf deutschsprachigen Musiktheaterbühnen aufgeführt wurde, und es sogar für ein vierwöchiges Gastspiel bis nach Tokio schaffte.

Was bei „Mamma Mia“ gelang, soll nun auch mit „Ich war noch niemals in New York“ glücken: die Verlängerung des Musical-Erfolges auf die Leinwand.

Mit einem Budget von zwölf Millionen Euro hat Produzentin Regina Ziegler das Projekt gestemmt und mit Philipp Stölzl einen Regisseur unter Vertrag genommen, der keine Angst vor populären Großproduktionen hat. In „Nordwand“ (2008) belebte er das verpönte Genre des Bergfilms neu und verabreichte in „Goethe!“ (2010) dem Meister der deutschen Klassik eine Frischzellenkur. In der Literaturverfilmung „Der Medicus“ (2013) ließ Stölzl europäisches Mittelalter und Orientwelten wiederauferstehen. Außerdem hat er zahlreiche Opern inszeniert.

Schon nach wenigen Filmminuten ist klar, dass Stölzl das wichtigste Gestaltungsprinzip des Musicals versteht: nicht weniger, nur mehr ist mehr. Die lustvolle Übertreibung und die Aushebelung lästiger Realitätsansprüche bilden das Fundament eines Genres, in dem die Menschen unvermittelt auf der Straße oder im Café zu singen anfangen, um sich ihrer Umwelt mitzuteilen.

„Ich war noch niemals in New York“ ist ein Juke-Box-Musical, das heißt die Handlung bildet nur einen dünnen Vorwand für das beherzte Trällern beliebter Songs. Hier ist es ein altes Mütterchen (Katharina Thalbach), die nach einem Sturz ihr Gedächtnis verliert und sich nur noch, Udo Jürgens sei dank, daran erinnern kann, noch niemals in New York gewesen zu sein.

Also ab auf den nächsten Dampfer in die Neue Welt. Verfolgt wird sie von Tochter Lisa (Heike Makatsch) – einer gestressten TV-Moderatorin, die das Schiff mit ihrem treuen Maskenbildner Fred (Michael Ostrowski) kurz vor dem Auslaufen entert. Und schon befindet man sich in einem Traumschiff-Szenario, in dem auf hoher See die Gefühle verschiedener Liebeskonstellation in Wallung geraten.

Stölzl orientiert sich unübersehbar an der großen Musical-Ära der 50er-Jahre. Sobald die Anker gelichtet sind, scheint sich auch ein nostalgischer Schleier über die Bilder zu legen.

Mit inszenatorischem Übermut hangelt sich der Film von einem Udo-Hit zum nächsten: „Aber bitte mit Sahne“, „Mit 66 Jahren“, „17 Jahr blondes Haar“, „Merci Cheri“, „Liebe ohne Leiden“. Dabei werden die manchmal etwas holprigen Übergänge von Filmhandlung zum Inhalt der Songs mit augenzwinkerndem Charme überspielt. Und wer hätte gedacht, dass der deutsche Urlauber-Gassenhauer „Griechischer Wein“ aus der Kehle Pasquale Aleardis unter Deck einmal soviel Matrosen-Sexappeal freisetzen würde.

Auch im Kitsch-Segment schreckt Stölzl vor nichts zurück: Wenn Katharina Thalbach in der Hochzeits-Suite endlich in den Armen von Jugendliebe Otto (Uwe Ochsenknecht) liegt, geht draußen hinter dem Bullauge nicht nur in feinstem Pink die Sonne unter. Auch ein paar Delphine hüpfen romantisch durchs Meeresbild.

Für solche schrillen Details muss man den Film eigentlich lieben, auch wenn nicht alle namhaften Schauspieler durch ihr stimmliches Talent glänzen.

Heike Makatsch konnte schon in dem Knef-Biopic „Hilde“ zeigen, was sie kann, und überzeugt auch hier in den Kategorien Gesang und Tanz.

Moritz Bleibtreus Bemühungen hingegen erinnern entfernt an die angestrengten Darbietungen von Pierce Brosnan in „Mamma Mia“. Doch eine gewisse Grundsteifheit passt wiederum gut zur Rolle des verliebten Wahrscheinlichkeitstheoretikers. Natürlich kann man „Ich war noch niemals in New York“ nicht mit zeitgenössischen US-Produktionen wie „La La Land“ vergleichen, die finanziell deutlich besser ausgepolstert sind und auf einen größeren Talentpool zurückgreifen können. Aber innerhalb seiner Möglichkeiten entfaltet Stölzl eine maximale Liebe zum Genre, das er mit großem Genuss und sanfter Ironie feiert.

 „Ich war noch niemals in New York“, Deutschland 2019, 128 Min. Regie: Philipp Stölzl mit: Heike Makatsch, Moritz Bleibtreu, Katharina Thalbach

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