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Premiere von "Beltracchi — Die Kunst der Fälschung": Ein roter Teppich für den Kunstfälscher

Premiere von "Beltracchi — Die Kunst der Fälschung" : Ein roter Teppich für den Kunstfälscher

Der verurteilte Kunstfälscher Wolfgang Beltracchi und seine Frau Helene präsentieren in Köln einen Film über nichts als sich selbst.

Der rote Teppich ist die Demarkationslinie zwischen Schein und Sein, insofern stehen Wolfgang Beltracchi und seine ähnlich frisierte Ehefrau Helene goldrichtig dort. Was indes nicht heißen soll, dass die Situation, die man im Kino "Cinenova" in Köln-Ehrenfeld vorfindet, nicht völlig bescheuert ist: Ein 63-jähriger Mann wird fotografiert, bejubelt und interviewt, und im Anschluss feiert ein Dokumentarfilm seine Premiere, der sich mit Leben und Werk des Umschwärmten beschäftigt. Der bittere Witz liegt nun darin, dass Wolfgang Beltracchi gar kein Werk geschaffen hat. Er wurde bloß deshalb prominent, weil er jahrzehntelang Gemälde im Stil großer Meister malte, Galeristen und Sammler übers Ohr haute, Millionen verdiente und sie nach der Überführung wieder verlor. Viele Bewohner des Dschungelcamps bei RTL haben mehr geleistet.

Überhaupt erinnert der Abend an das Märchen von des Kaisers neuen Kleidern. Alle machen viel Gewese um den Mann, der in einem Sakko erscheint, das wie Schlangenhaut schimmert. Aber wenn man ihn dann fragt, ob er das alles bereue, antwortet er weitschweifig und in so einem Singsang-Sound, aber ohne je zum Kern vorzudringen. Er habe geahnt, dass es nicht mehr lange gut gehe, aber er habe sich einen Palazzo in Venedig verdienen wollen, deshalb malte er eben weiter. Man steht da und hört zu, und man fragt sich, was hinter dieser Stirn los ist, aber man findet nichts, kann ihn nicht fassen, nicht begreifen. "Mann, redet der lange. Der muss echt verzweifelt sein", klagt ein Kameramann.

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Verzweiflung wäre sogar nachvollziehbar. Nach der Verurteilung zu sechs Jahren im offenen Vollzug wegen bandenmäßigen Betrugs soll Wolfgang Beltracchi Schulden in Millionenhöhe haben, außerdem muss er nach der Filmaufführung zurück in den Knast. Dem Freigänger sind Sorgen allerdings nicht anzumerken. Er schreitet unter Applaus und Hand in Hand mit der ebenfalls verurteilten Gattin ins Kino. Es ist nicht einmal so, dass er das sonderlich zu genießen scheint. Sein Körper ist da und findet das normal, aber der Geist dieses traurigen Clowns hat sich verabschiedet, schwebt irgendwo jenseits des Sirius und erkundet die Leere hinter den galaktischen Nebeln.

Überhaupt ist das Wort Leere ein guter Begriff für diesen Abend. Der Film "Die Kunst der Fälschung", den Arne Birkenstock über Beltracchi gedreht hat, erzählt davon. Dass Birkenstock der Sohn des Kölner Anwalts von Beltracchi ist, darf als Ausgangsvoraussetzung für ein solches Projekt als ebenso gaga gelten wie der Begriff Kunst im Titel des Films. Der Produktion kann man denn auch vorwerfen, sie stelle zu wenig kritische Fragen und lasse dem Fälscher zu viel Raum. Andererseits sind das höchst amüsante 100 Minuten, spannend bis zum Schluss, und bisweilen sogar so traurig, dass man heulen könnte. Es beginnt damit, dass Beltracchi als Robin Hood inszeniert wird. Der Zuschauer begegnet ihm kurz nach der Verurteilung in seinem Haus in Südfrankreich, das er räumen muss, weil er in den Knast umzieht. Freunde feixen bei einem Essen, Beltracchi habe dem Markt den Spiegel vorgehalten. Gekontert wird das mit Zusammenschnitten von Versteigerungen: 13 Millionen für einen Francis Bacon. "Irre!" Da zwinkert der Filmemacher seiner Hauptfigur noch komplizenhaft zu.

Beltracchi ist intellektuell unbeweglich

Allmählich scheint aber auch Birkenstock müde zu werden. Denn Beltracchi ist von einer Bräsigkeit, von einer intellektuellen Unbeweglichkeit, die einen wahnsinnig macht. Er verschwindet mit fortschreitender Dauer des Films, seine Umrisse werden unscharf. 1992 nahm der als Wolfgang Fischer in Höxter geborene Sohn eines Kirchenmalers den irgendwie nach Renaissance klingenden Namen seiner Frau an, er schmückte sich gewissermaßen mit fremden Federn, und darunter verschwamm er zur Unkenntlichkeit. Man sieht ihm also beim Fälschen zu, man spürt bei ihm keine Emotion, und ob Max Ernst oder Cézanne — jedes Bild beendet er mit einem Ausruf des Stolzes, den man von Kindern nach dem Toilettengang kennt: "Feddisch!" Ob Max Ernst ein Genie war, will der Regisseur wissen. "Finde ich nicht." Warum nicht? "Eine Idee macht noch keinen großen Maler." Beltracchi kennt den Unterschied zwischen gut und böse, aber er empfindet nichts dabei.

Sicher wird man bald einen Spielfilm über das Thema zu sehen bekommen, der Stoff gibt Großes her: Genialischer Handwerker fühlt sich mit viel Gespür und Feinsinn in die zeitlichen Lücken zwischen zwei Gemälden großer Künstler ein und schafft Neues aus ihrem Geiste. Er betuppt alle und führt das Leben, das er als ehrlicher Künstler nie hätte führen können. Das Problem des Dokumentarfilms ist nun aber, dass man nicht glauben mag, dass ausgerechnet dieser Beltracchi die Vorlage für einen solchen Filou sein soll. Eine Galeristin aus der Schweiz bringt es auf den Punkt, als sie über Beltracchis Aneignung des Malstils von Heinrich Campendonk spricht. Aus Bildern aus der Zeit vor dem Ersten Weltkrieg ahne man die Angst der Künstler, ihre Beklommenheit, das mache die Werke erst groß. Aber bei Beltracchi sei nichts zu spüren hinter den Farben. "Diese Bilder sind leer."

Am Ende bleibt von dem Mann nur mehr eine Hülle. Seine Kinder erzählen, sie hätten nicht gewusst, was der Vater macht. Sie dachten, er sei Künstler, ein fauler zwar, weil sie selten etwas von ihm zu sehen bekamen, aber ein erfolgreicher offenbar, man lebte schließlich in einer mächtigen Villa in Freiburg. Selbst sie hat er also betrogen, denkt man, und dann kommt die Stelle, an der man merkt, dass sich Beltracchi selbst etwas vormacht, dass er sogar sich belügt. Ein Kunstwissenschaftler stellt mit ihm Bilder für eine Ausstellung zusammen. Beltracchi will ein eigenes Bild einbringen, es zeigt einen gefallenen Engel. Der Fachmann mahnt, sowas wollten die Leute nicht sehen, lieber die Fälschungen. Ob das schlimm sei, ob er sehr viel Herzblut in das Original hat einfließen lassen? "Herzblut sowieso nicht", antwortet Beltracchi und zuckt die Schultern. "Bedeutet ihnen Kunst denn nichts?", fragt der andere irritiert. Beltracchi sieht ihn an und sagt: "Nein."

Kinostart: 06. März 2014

Hier geht es zur Bilderstrecke: Bilder aus "Beltracchi – Die Kunst der Fälschung"

(RP)