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Doku über den Choreografen Merce Cunningham

Tanzfilm : Cunninghams Tanzkunst

Eine poetische Doku in 3D führt mitten hinein in die Arbeiten des US-Choreografen.

Tänzer in getupften hautengen Anzügen tanzen vor einer ebenfalls in Pastell getupften Kulisse. Ihre Bewegungen sind präzise, wirken aber zufällig, als sei jeder Tänzer ein Solist, der nur den eigenen Impulsen folgt. Während die Kamera die Tänzer umkreist, jeden einzelnen Körper ins Bild rückt, dann wieder in die Totale zurückkehrt, das Gesamtbild zeigt, entdeckt der Zuschauer identische Motive und Wiederholungen. Diese Choreografie ist voller Eigensinn, aber keineswegs beliebig. Und bei aller Abstraktion und mathematischen Strenge verströmt Merce Cunninghams „Summerspace“ in der lichten Bühnengestaltung von Robert Rauschenberg auch eine wundersame, sommerliche Leichtigkeit.

Der amerikanische Avantgardist Merce Cunningham hat dem Tanz größtmögliche Freiheit geschenkt, indem er Bewegungen erfand, deren Bausteine in beliebiger Abfolge aufeinander folgen können und doch ein stimmiges Ganzes ergeben. Ab den 1940er Jahren trat er mit seinen innovativen, herausfordernden Choreografien hervor und folgte in seinen Arbeiten den Entwicklungen in der Musik. Sein Freund John Cage hatte den Zufall als Kompositionsprinzip entdeckt, nicht um Chaos anzurichten, sondern um dem klanglichen Ereignis selbst größtmögliche Autonomie zu verleihen. Cunningham übersetzte das in die Sprache der Körper.

Wie faszinierend das noch immer wirkt, zeigt jetzt die traumschöne Dokumentation „Cunningham“ von Alla Kovgan. Sie zeigt den künstlerischen Werdegang des Ausnahmetänzers und Choreografen in der Zeit von 1944 bis 1972, porträtiert einen besessenen Künstler, der keine Bewegung für unmöglich hielt, von sich selbst und seiner Compagnie Höchstleistung verlangte – nicht um der Disziplin willen, sondern aus Verpflichtung für den Tanz. Kovgan lässt Cunningham in Archivaufnahmen selbst zu Wort kommen. Vor allem aber lässt sie seinen Tanz sprechen und zeigt lange Sequenzen aus wichtigen Arbeiten, getanzt von den letzten Mitgliedern seiner berühmten Compagnie. Dabei wendet Kovgan die 3D-Technik an und erinnert auch in ihrer poetischen Bildsprache stark an Wim Wenders Tanzfilm „Pina“. Auch bei Kovgan bewegen sich die Tänzer durch ungewöhnliche Kulissen, tanzen im Wald, im Elbtunnel, in Museumsräumen. So wird hochabstrakte Tanzkunst zu einem Bildrausch, dem man sich mit Gewinn hingibt.

In einer Szene spricht Cunningham selbst über seine Haltung zum Tanz: „Wir interpretieren nicht, wir präsentieren etwas, wir tun etwas – die Interpretation liegt allein beim Zuschauer.“ Manche Zeitgenossen haben das als Beliebigkeit missverstanden. Es war größtmögliches Vertrauen in den Eigensinn des Tanzes.

Cunningham, Deutschland, Frankreich, USA, Regie: Alla Kovgan, mit: Merce Cunningham und seinen Tänzern, 93 Min.