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"The Interview": Dieser Film muss gezeigt werden

"The Interview" : Dieser Film muss gezeigt werden

Der Filmkonzern Sony stoppt die Verbreitung der Hollywood-Produktion "The Interview". In der Satire geht es um die Ermordung des nordkoreanischen Diktators Kim Jong Un. Gegen die Aufführung gab es Terrordrohungen.

Im Kino geht es darum, dass man im Schutz der Dunkelheit aus der Deckung kommt. Dass man die Panzerung von der Seele nimmt und sich seinen Emotionen überlässt. Etwas pathetisch formuliert darf man an diesem Ort also erst Augen und Ohren öffnen und dann auch das Herz. Und damit jeder Zuschauer sich hinwegtragen lassen kann in diesen Zustand gesteigerten Bewusstseins, aus dem er wiederum etwas mitnimmt in den Alltag, gibt es ein Abkommen, eine stille Übereinkunft: Das Kino ist ein Raum der Sicherheit, man darf sich dort frei fühlen. Auf der Leinwand darf alles geschehen, den Zuschauern kann dabei nichts passieren. Wir begeben uns in die Träume anderer Menschen - in schöne Träume und Alpträume, aber nur auf Zeit und in der Obhut der anonymen Gemeinschaft. Das ist der Pakt. Und der ist nun gebrochen worden.

Terroristen haben gedroht, Filmtheater in den USA anzugreifen. Der Filmkonzern Sony hat deshalb soeben die Verbreitung des Films "The Interview" gestoppt, der am 25. Dezember in den USA starten sollte. Sony will die Produktion auch später nicht ins Kino bringen, hieß es aus Unternehmenskreisen. Auch in Europa und Deutschland nicht, wo "The Interview" im Februar 2015 anlaufen sollte. Eine DVD-Veröffentlichung oder eine Ausstrahlung im Fernsehen wird die rund 35 Millionen Euro teure Produktion mit Seth Rogen und James Franco in den Hauptrollen ebenfalls nicht erleben.

"Die Friedenswahrer" nennt sich die radikale Gruppe, die unter Berufung auf die Anschläge vom 11. September 2001 vor einer Aufführung des Films warnt: "Die Welt wird voller Furcht sein", hieß es in E-Mails, die an US-Journalisten verschickt wurden. Und: "Wenn Ihr Haus in der Nähe eines Kinos ist, in dem der Film gezeigt wird, gehen Sie lieber weg."

Der Film, der von Sony als Satire ausgewiesen ist, handelt von zwei amerikanischen Reportern, die ein Interview mit Nordkoreas Diktator Kim Jong Un führen sollen. Der Geheimdienst CIA gibt ihnen den Auftrag, den Staatschef bei der Gelegenheit zu töten. Die nordkoreanische Regierung hat die Komödie bereits im Juli in einem Brief an UN-Generalsekretär Ban Ki Moon eine "Förderung des Terrorismus sowie eine Kriegshandlung" genannt und "gnadenlose Gegenmaßnahmen" im Falle einer Vorführung angekündigt.

Vor wenigen Tagen haben Hacker nun Tausende interne Dokumente von Sony kopiert und Daten wie interne E-Mails und persönliche Informationen über Filmstars im Internet veröffentlicht. US-Ermittler gehen davon aus, dass die Drohungen rund um den Film von derselben Hackergruppe stammen - und ihre Mitglieder im Auftrag der nordkoreanischen Regierung handeln.

Das FBI gab daraufhin eine Warnung an Kinobetreiber aus, und die Firma Sony überließ den Kinos die Entscheidung, ob sie den Film aufführen wollen. Die viertgrößte Kinokette der USA, Carmike Cinemas, fasste den Entschluss, es sei besser, den Film nicht zu zeigen. Andere Betreiber folgten. Die Sorge um die Sicherheit von Angestellten und Kunden sei einfach zu groß, hieß es, zumal Kinos in den USA oft in oder neben Shopping Malls liegen. Daraufhin beschloss Sony, den Film aus der Öffentlichkeit zu halten.

Diese Entscheidung ist einmalig in der Geschichte Hollywoods, und sie ist falsch, verheerend und ein Sieg für die Erpresser. Als "Skandal" bezeichnet der Magdeburger Soziologe Rainer Paris den Entschluss Sonys. Paris ist Spezialist für ethische Dilemmata, und er sagt: "Hier steht so viel auf dem Spiel, dass man nicht nachgeben darf." Es gehe um das Recht auf Meinungsäußerung und um das der freien Kunst. Selbst wenn man für jede Aufführung das Kino in einen Hochsicherheitstrakt mit Eingangsschleuse und Leibesvisitation verwandeln müsste, wäre der Aufwand gerechtfertigt. "Das Kino ist ein Kulturraum der Imagination", sagt Paris, "und was vorstellbar ist, muss auch gezeigt werden dürfen." Natürlich darf man über Geschmack streiten, aber: "Der Umgang mit Bildern muss frei sein."

Ein Merkmal des Kinos, des amerikanischen zumal, ist die Respektlosigkeit im Umgang mit Autoritäten. Dabei machen Drehbuchautoren und Regisseure nicht Halt vor dem eigenen Präsidenten, und solche Kritik ist ein Merkmal von Demokratie, sie ist ihre Chance. Dass nun die Drohung einer kleinen Gruppe Erfolg hat, erhöht den Einfluss von Terroristen. Man erkennt sie an, gesteht Rechte zu, und das ist eine Ermutigung für Gleichgesinnte und Nachahmer. Der Klügere gibt nach, heißt es, aber hier nachzugeben ist dumm.

Im Kino darf man sich ängstigen und freuen, man darf verachten und begehren, ohne dass einem jemand Strafe dafür androht. Im Sommer 2012 war dieser Freiraum schon einmal gefährdet. Damals stürmte ein Attentäter in Aurora in Colorado durch den Notausgang in einen Kinosaal - 30 Minuten, nachdem der Batman-Film "The Dark Knight Rises" begonnen hatte. Der junge Mann schoss um sich, tötete zwölf Menschen, verletzte 60 weitere. Man diskutierte, ob man den Film weiterhin zeigen solle, denn offenbar provoziere die Gewalt, die darin dargestellt werde, weitere Gewalt. Aber man führte ihn doch auf, und das war richtig, denn dass Gewalt im Film Gewalt im Alltag zur Folge hat, ist ein Kurzschluss. Außerdem muss die Gesellschaft es aushalten, wenn Künstler ihre Wahrnehmung ins Bild setzen, sie muss sich dieser Kritik stellen.

Kino ist ein Gruppenerlebnis, im Saal sitzt eine Auswahl derer, die eine Kulturgemeinschaft bilden. Wer diese Gemeinschaft bedroht, greift ihre Werte an. Kunst ist ein Wert. Dass eine Gruppe Terroristen ein Kunstwerk als so gefährlich erachtet, dass sie es zerstören will, stellt nur noch mehr die Kraft der Kunst unter Beweis. Sie gilt es zu verteidigen. "The Interview" muss gezeigt werden.

Hier geht es zur Bilderstrecke: Fotos aus Nordkorea-Komödie aus "The Interview"

(RP)