"Der Geschmack von Rost und Knochen": Die Liebesgeschichte des Jahres auf DVD

"Der Geschmack von Rost und Knochen": Die Liebesgeschichte des Jahres auf DVD

Ein unprätentiöser, starker Film erscheint aktuell auf DVD: In "Der Geschmack von Rost und Knochen" spielt Marion Cotillard eine Frau, die bei einem Unfall beide Beine verlor. Eine neue Liebe hilft ihr bei der Rückkehr ins Leben.

Stéphanie hat es nicht so mit Menschen. Ihr reichen der Small Talk bei der Arbeit und flüchtige Abenteuer in Diskotheken. Männern, die mehr wollen als eine Nacht, rennt sie einfach davon. Mit den Tieren ist es anders. Stéphanie liebt ihre Arbeit mit den Killerwalen, mit denen sie in einem Freizeitpark im südfranzösischen Antibes täglich Kunststücke aufführt. Eines Tages wälzt sich plötzlich ein Orca auf die rostige Bühne, reißt Stéphanie mit sich ins Wasser und beißt ihr beide Unterschenkel ab. Ein Leben, das permanent in Bewegung war, ist von einem Tag auf den anderen stillgelegt.

Wie geht eine junge Frau, die immer für sich allein stehen wollte, mit so etwas um? Schon bevor Marion Cotillard 2007 den Oscar für ihre Darstellung der Edith Piaf in "La vie en rose" gewann und über Nacht zum Weltstar wurde, gehörte sie in Frankreich zu den ganz Großen. Wer so viel Glamour und Schönheit auf sich vereint wie die 38-jährige Pariserin, wird darstellerisch gern unterschätzt. Cotillard aber findet mit ihren Rollen stets Wege, sich nicht festlegen zu lassen. Das beste Beispiel dafür ist Jacques Audiards jetzt auf DVD erschienenes Liebesdrama "Der Geschmack von Rost und Knochen".

In seinem schnörkellosen, entwaffnend ehrlichen Film zeigt Marion Cotillard sich körperlich und seelisch in einer Weise nackt, die einem den Atem raubt. Die tragischen Sekunden mit dem Orca machen aus der autarken Pistenkönigin Stéphanie einen lebensmüden Krüppel. In sachlich kühlen, farbarmen Bildern zeigt Audiard, wie sie tage- und wochenlang stumm und reglos im Krankenhaus liegt. Die Besucher, die hilflos an ihrem Bett stehen, sieht sie irgendwann nicht mal mehr an. Die Beinstümpfe, die sie aus und in den Rollstuhl zu wuchten lernt, die Depression, die ungewaschenen Kleider, in denen sie schließlich in ihrer neuen Sozialwohnung sitzt, bei zugezogenen Vorhängen. Gerade noch so schafft sie es, nach ihrem Handy zu greifen, und sieht darauf die Nummer eines Landstreichers namens Ali, mit dem es neulich mal nach so einer Clubnacht nicht recht gefunkt hat. Sie ruft ihn an.

Konzentriertes Darstellerkino

Vergangenes Jahr in Cannes blieb Audiards Film ohne Goldene Palme, gehörte aber trotzdem zu den besten Beiträgen des Festivals. "Der Geschmack von Rost und Knochen" basiert auf Craig Davidsons Kurzgeschichten "Rust and Bone" von 2005, in denen die Figuren von Stephanie und Ali ironischerweise gar nicht vorkommen. Audiards Adaption ist konzentriertes Darstellerkino, so dass die etwas mageren DVD-Extras — entfallene Szenen und eine Dokumentation über die subtilen Spezialeffekte an Stephanies Beinen — entschuldbar sind.

Matthias Schonearts spielt Ali als groben Klotz, der nicht viel redet. Und wenn, tut er den Leuten oft weh. Eine Kreatur der französischen Wirtschaftskrise, mit nichts als den Kleidern am Leib und seinem kleinen Sohn an der Hand. Ein Mann, der tagsüber bei einem Sicherheitsdienst schuftet und sich nach Feierabend im Wald bei illegalen Boxkämpfen zu Brei hauen lässt, weil sein Körper das Einzige ist, was er noch anzubieten hat. Dieser Ali fegt in Stéphanies muffige Wohnung wie ein Windstoß, reißt die Fenster auf. Und leitet dann die wunderbarste Szene des Films ein, indem er mit einem Blick aufs Meer spontan beschließt, schwimmen zu gehen. Ohne Stéphanies Scham auch nur zur Kenntnis zu nehmen, schiebt er sie an den Strand, legt sie dort ab wie ein sperriges Paket und springt freudig allein in die Brandung. Es sind Alis Mitleidlosigkeit und seine rohen Instinkte, die Stéphanie dazu bringen, Lethargie und Verzweiflung zu überwinden und sich nackt von ihm in die glitzernden Wellen tragen zu lassen. Erste Schritte zurück ins Leben. Nur auf dem Rücken eines anderen.

Über 120 Minuten lang verweigert Audiards sachliche Romanze dem Paar jede Romantik, und doch ist dies einer der schönsten Liebesfilme des Jahres. Der rau poetische Autorenfilm bricht alle Regeln des Genres und reißt trotzdem mit. In einer weiteren starken Szene bietet Ali sich Stéphanie ganz nüchtern als Liebhaber an — "damit du sehen kannst, ob's noch funktioniert". Natürlich nimmt Stéphanie das Angebot an.

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(felt)
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