Stanley Kubricks „Napoleon“ Der größte Film, der nie gedreht wurde

Es sollte Stanley Kubricks Meisterwerk werden: Für seinen „Napoleon“ engagierte er einen Oxford-Professor als Berater, sammelte hunderte Bücher und engagierte 50.000 Soldaten. Zum Dreh kam es nie. Woran das Projekt scheiterte – und wie es doch noch realisiert werden könnte.

 Endlos fasziniert von Napoleon: Stanley Kubrick

Endlos fasziniert von Napoleon: Stanley Kubrick

Foto: imago images/Everett Collection/Courtesy Everett Collection via www.imago-images.de

An Ambition mangelte es beiden nicht. Napoleon Bonaparte wollte die ganze Welt erobern und immer mehr von allem anhäufen: Siege, Territorium, Ruhm, Macht. Und Stanley Kubrick wollte das verfilmen. „Was ich genau vorhabe, ist unmöglich zu erklären“, schrieb er 1971, „aber ich gehe davon aus, den besten Film aller Zeiten zu machen.“ Stattdessen wurde es Kubricks Waterloo.

In den Jahren 1969 und 1970 war das Regie-Genie auf dem Zenit seines Erfolgs: Mit den so unterschiedlichen Filmen „Wege zum Ruhm“ und „Spartacus“, „Lolita“, „Dr. Seltsam“ sowie „2001: Odyssee im Weltraum“ hatte er Kritiker und Zuschauer begeistert. Doch den für ihn selbst entscheidenden Film ließ man ihn nicht drehen; das Studio Metro-Goldwyn-Meyer drehte ihm nach der Vorproduktion den Geldhahn ab.

Der neue MGM-Besitzer Kirk Kerkorian wollte den Konzern neu ausrichten – weniger Filme drehen, mehr Casinos bauen. Zudem war gerade der italienisch-sowjetische Kostümfilm „Waterloo“ mit Rod Steiger, Christopher Plummer und Orson Welles und „immerhin“ 19.000 Statisten böse gefloppt. Kubrick sah es zunächst mit Amüsement. „So ein alberner Film“, schrieb er. „Das wird die Sache nicht einfacher machen – aber am Ende, da bin ich mir sicher, schaffen wir es.“ Kubrick behielt die Rechte, doch kein Studio gab ihm Geld. Den Entscheidern kam er vor wie ein Besessener. Weil er einer war.

Deutlich wird das an einem Objekt, das seit der ersten Ausstellung von Kubricks Nachlass 2004 in Frankfurt viele Besucher mehr faszinierte als jedes andere: ein Zettelkasten. Aber was für einer. Die zwölf riesigen Schubladen der „analogen Wikpedia“ enthalten Informationen über rund 40 Personen aus Napoleons Umfeld. Biografische Meilensteine natürlich, aber auch Kleinigkeiten bis hin zu Mahlzeiten, Kleidung und Wetter. Erstellt, chronologisch sortiert, in Bezug gesetzt zu Napoleons Aktivitäten an jenem Tag und farbcodiert von 20 Studenten der Geschichtswissenschaft in Oxford. Nicht nur ein paar hundert Karten. Sondern 25.000.

Kubricks Schwager, ausführender Produzent und heutiger Nachlassverwalter Jan Harlan hat das Offensichtliche bestätigt: „Kubrick war bis zu seinem Tod fasziniert von Napoleon, jener Siegerfigur, die katastrophale Fehler beging, oft wider besseres Wissen oder besseren Rat.“

Kubrick entwickelt eine wahre Obsession für das kränkliche Kind aus Korsika, das sich am Höhepunkt einer unfassbaren Karriere zum Kaiser krönte. Bonaparte war ein Mann voller Widersprüche: Ein Despot mit Herz für Bürgerrechte, charismatischer Ehrgeizling, reformfreudiger Ewiggestriger, freundlicher Kriegstreiber, eitler Meistertaktiker und leidenschaftlicher Pragmatiker.

In dieses Leben so gründlich wie irgend möglich einzutauchen macht sich Kubrick zur Mission. Er schickt eine Gruppe von Assistenten quer durch Europa. Mit 17.000 Fotos kehren sie zurück. Zusätzlich sammelt und sichtet Kubrick Dutzende Filme, Hunderte Bücher, Tausende Dokumente. Und weil er weiß, dass er trotz alledem fast nichts weiß, leistet er sich gleich zwei Berater. Den angesehenen Militärhistoriker David G. Chandler von der Königlichen Militärakademie Sandhurst sowie Felix Markham. Den Oxford-Geschichtsprofessor, der sich 35 Jahre lang mit Bonaparte beschäftigt und zwei Standardwerke über ihn verfasst hat, löchert Kubrick mit endlosen Fragen  zu den randständigsten Kleinigkeiten, ganz im Sinne seiner Überzeugung: „Gott ist im Detail.“

Eine Liste enthält die Fragen: „War er abergläubisch? Hatte er einen Sinn für Humor? War er ein geistreicher und begabter Unterhalter? Trank er viel? Aß er viel? Las er viel? Was war seine Leibspeise?“ Sie muss aus der absoluten Anfangszeit seiner Beschäftigung mit Napoleon stammen. Bald nämlich zerbricht sich Kubrick den Kopf darüber, wie groß der Einfluss womöglich ungeeigneter Hufnägel auf Napoleons Niederlage im Russlandfeldzug 1812 war. Oder ob der Schlamm (!) an den geplanten Drehorten jenem der Original-Schlachtfelder, von denen er sich Bodenproben besorgen ließ, ähnlich genug sieht.

Er schwärmt von der „ästhetischen Brillanz“ der Massenschlachten, die er mit jener von Musik oder mathematischen Formeln vergleicht. Als Darsteller will er der Einfachheit halber echte Truppen verwenden – 40.000 Fußsoldaten und 10.000 Kavalleristen von der rumänischen Armee. Pro Mann und Tag soll die Regierung zwei Dollar erhalten. Ein Großteil ihrer Kostüme soll trotz aller Authentizität nur vier Dollar pro Stück kosten; statt auf schweren Stoff setzt Kubrick auf bedrucktes, extra-reißfestes Papier.

Das finale Drehbuch vom 29.September 1969 fasst Schlüsselmomente aus Napoleons gesamten Leben in 221 Szenen. Der dreistündige Film folgt der klassischen Struktur einer fünfaktigen Tragödie. Die Schlacht um Waterloo nimmt acht der 155 Seiten ein, der Ort selbst wird dabei kurioserweise nur umschrieben: „nahe dem Dorf St. Jean, zehn Meilen südlich von Brüssel“. Es dürfte ein Ausdruck von Kubricks Humor sein. Das Lachen vergeht ihm bald. Beim dritten Versuch der Realisierung des Films am 20. Oktober 1971 erklärt sich der große Perfektionist bereit zu Kompromissen. Sparen will er allerdings nicht an der Ausstattung oder bei den Außendrehs, sondern bei der Besetzung. „No Stars“ – dieses Versprechen muss für den möglichen Geldgeber klingen wie eine Drohung. Ursprünglich hatte er sich David Hemmings oder den jungen Jack Nicholson in der Hauptrolle gewünscht, dazu Audrey Hepburn als Napoleons erste Frau Joséphine de Beauharnais. Und in Nebenrollen Alec Guinness und Jean-Paul Belmondo, Peter O’Toole und Charlotte Rampling. Ohne diese Zugpferde würde es minimal günstiger, aber maximal risikoreich. Das Projekt ist tot.

Kubrick ist enttäuscht, erschüttert, verfällt in depressive Phasen. Sein immenses Wissen über jene Epoche immerhin kann er in „Barry Lyndon“ (1975) verwerten. Das Drama über einen irischen Landadligen wird mit extrem lichtstarken Spezialobjektiven der Nasa teils bei Kerzenlicht gedreht und vielfach ausgezeichnet, unter anderem mit Oscars für Szenenbild, Kamera und Kostümdesign.

Und auch Kubricks Vision von Napoleon soll doch noch erscheinen – obwohl gerade erst der große Ridley Scott ein Epos zum selben Thema in die Kinos gebracht hat.

Kubricks alter Freund Steven Spielberg versprach erst Anfang dieses Jahres eine baldige Veröffentlichung als siebenteilige Miniserie beim Kabelsender HBO. In ganz ähnlicher Form hätte Kubrick selbst seinen Napoleon auch gern zum Leben erweckt, wie er 1980 verriet: „Es wäre auch schön, ihn als zwanzigstündige TV-Serie zu realisieren – aber dafür sind beim Fernsehen die Budgets ja nicht hoch genug. Noch nicht.“

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