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Neu im Kino: Der Eintritt ins Kloster verändert die Familie

Neu im Kino : Der Eintritt ins Kloster verändert die Familie

In "Schwestern" spiegelt Regisseurin Anne Wild eine Gesellschaft und ihr Verhältnis zur Religion.

Saskia kann es nicht glauben. Und das ist wörtlich zu nehmen. Ihre Schwester Kati hat sich — für die Familie unerwartet — entschieden, ins Kloster zu gehen. Die Nachricht detoniert über den gar nicht religiösen Kerkhoffs wie eine veraltete Bombe, die alle für einen Blindgänger gehalten hatten.

Kati als Nonne! Da stehen sie nun im Klosterhof und versuchen zu begreifen, weshalb das Mädchen sich hier einsperren will. Regisseurin Anne Wild hat ein gutes Auge für eigenwillige Figuren und ihre überraschenden Entscheidungen. Schon in ihrem Regiedebüt "Mein erstes Wunder" erzählte sie 2002 von der Freundschaft zwischen einer Elfjährigen und einem 40-jährigen Familienvater. Mit ähnlich feiner Ironie spiegelt Wild am Anfang von "Schwestern" die Restunsicherheit einer intellektuellen Bildungsschicht, in deren Augen Religion nur noch ein Synonym für Aberglauben ist.

Aber was, um Himmels willen, macht das aus Kati? Was hat die Familie mit ihr falsch gemacht? Statt solchen Fragen auf den Grund zu gehen, entscheidet Wild an diesem Punkt, die Familie auf eine Wiese zu setzen, und die Geschichte verliert an Fahrt. Denn Kati (Marie Leuenberger) kommt nicht, den halben Film lang, und jede Figur bleibt sich selbst überlassen. Die schillernde Saskia, liebenswert gespielt von Maria Schrader. Die Mutter Usch (Ursula Werner), eine Karrierefrau, die immer die Kontrolle über ihre Familie hatte, bis jetzt. Außerdem ein weinseliger Onkel mit seiner jungen Freundin, der Bruder und seine reizbare Frau, ein jammernder Ex-Freund. Keiner ahnt, was in Kati vorgeht, Saskia fühlt sich vage um die Schwester betrogen. Der Tag plätschert so ereignislos dahin, dass jeder über die eigenen Werte ins Grübeln kommt. Hat Kati nicht etwas gefunden, das alle gern hätten — Sinn, Spiritualität, eine Überzeugung?

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Wuchtige Themen, die Wild da transportieren will. Manchmal hat das Charme und Energie, etwa wenn Saskia mit der dominanten Mutter aneinandergerät. Und die Szene, in der Saskia endlich die unter einem Schweigegelübde stehende Kati findet, gehört zu den berührendsten Momenten, die das deutsche Kino in diesem Jahr zu bieten hat.

Ein Blick ins stille Gesicht der Schwester, und Saskia begreift, dass ihre äußere Freiheit nichts ist gegen Katis inneren Frieden.

(RP)