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Corona-Krise: Filmfeste flüchten sich wegen Pandemie ins Netz

Flucht ins Netz : Filmfeste im Würgegriff der Pandemie

Filmfestivals geht es wie allen anderen Großveranstaltungen: Sie finden derzeit nicht statt. Sie finden sich damit aber nicht ab, sondern stampfen Online-Versionen aus dem Boden oder basteln an anderen Alternativen.

In den letzten beiden Wochen ist es schon zur traurigen Gewohnheit geworden: ein Filmfestival nach dem anderen wird abgesagt. Meist heißt es dann noch, dass man versuchen werde, wenigstens einen Teil des ausgefallenen Festivals online stattfinden zu lassen. Besonders hart traf das Festivals, die kurz vor dem Start standen, als die Krankheitswelle in Deutschland ankam.

Am vergangenen Dienstag hätte in Köln das Internationale Frauenfilmfestival (IFFF) eröffnen sollen. Dem Filmfest, das im jährlichen Wechsel zwischen Köln und Dortmund stattfindet, blieb nur die Konsequenz, in wenigen Tagen auf ein Onlinefestival umzustellen. Zurecht weist das IFFF darauf hin, dass die Situation für weibliche Filmschaffende oft prekärer als bei den männlichen Kollegen ist, weil sie häufiger mit geringeren Budgets arbeiten, die noch weniger Luft für Rücklagen lassen. Fürs erste hat das Festival jetzt ein Rumpfprogramm angekündigt, dass weiter ergänzt werden soll.

Ein Festival ins Internet zu verlagern, ist eine enorme logistische Herausforderung. Denn Filmfestivals leben wie Messen von der Präsenz ihrer Gäste und den Treffen vor Ort. All das muss rückabgewickelt werden, während gleichzeitig Lösungen für Filmgespräche gefunden und Lizenzfragen geklärt werden müssen. Die Frage, ob man die Filme ins Netz verlagern darf, ist knifflig. Denn für die Rechteinhaber und Verleiher der Filme sind Aufführungen in Kinos etwas komplett anderes als die Lizenzierung fürs Streaming. Diese sind beispielsweise durch Geoblocking oft regional beschränkt und in den Sprachfassungen und Untertiteln festgelegt. Dass Festivals wie das IFFF nun überhaupt Filme online zeigen können, ist eine beachtliche Leistung.

Ebenfalls am Dienstag hätte in Graz die Diagonale eröffnen sollen. Auch hier findet ein kleineres Programm im Netz statt, verteilt über Streaminganbieter. Der Österreichische Rundfunk zeigt ebenfalls eine kleine Auswahl; mehr wird auf der Video-on-Demand-Plattform des Senders angeboten. Zusätzlich ist im Herbst eine Veranstaltungsreihe geplant. Im Pressedossier zur Diagonale, die nun als „Die Unvollendete“ bezeichnet wird, betonen die Festivalleiter trotz der widrigen Umstände die Unverzichtbarkeit des Kinos als sozialem Ort.

Demgegenüber sind Festivals, deren Termine noch ein wenig weiter in der Zukunft liegen, in einer beinahe komfortablen Situation. Das Crossing-Europe-Festival in Linz hat noch drei Wochen, die Kurzfilmtage Oberhausen und das DOK.fest München sogar fast zwei Monate. Was die Rahmenbedingungen angeht, sollte das keine Illusionen wecken.

Im Sommer und Herbst wird man wohl mitverfolgen können, welche Formate Filmfestivals für das Internet entwickeln und welche Formen des Zusammenkommens möglich sind. Es gehe ja nicht darum, wie die Kurzfilmtage sehr richtig mitteilen, ein alternatives Netflix aufzubauen. Blickt man auf die Festivals als Institution, gibt es durchaus Grund zur Hoffnung: Die meisten berichten von großem Verständnis und Entgegenkommen von Förderern.

Die großen Sorgen gelten derzeit den zahlreichen Menschen, die die Festivals am Laufen halten, den unzähligen Mitarbeitenden wie Betreuer oder Techniker. Sie alle hangeln sich meist von einem prekären Job zum nächsten. Die AG Filmfestivals, in der sich eine Vielzahl von Festivals zusammengeschlossen hat, erklärt treffend: „Oberste Priorität haben erstens das gesundheitliche Wohlergehen aller Beteiligten, zweitens die soziale Absicherung der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter und drittens die Fortdauer von kultureller Vermittlung während der Krise.“

Einige Filmfestivals wie etwa das Filmfest Dresden hoffen noch, ihre Festivalausgaben im Herbst nachholen zu können. Wenn das der Fall sein sollte, ist der Kalender im Herbst gewöhnlich so voll, dass das nur in Ausnahmefällen möglich sein dürfte. Realistischer scheint wohl der Blick ins nächste Jahr.

Das wirft aber weitere Fragen auf: Wird es angesichts der sich weltweit häufenden Drehstopps genug Filme geben? Werden die Kinos, in denen die Festivals stattfinden, dann noch existieren? Wie wird die Erfahrung der Pandemie das Sozialverhalten der Menschen auch in Bezug auf Kinos mittelfristig prägen?

(c-st/kna)