Oscar-Gewinner: Christoph Waltz bezwingt Hollywood

Oscar-Gewinner : Christoph Waltz bezwingt Hollywood

Düsseldorf (RP). Wenige deutschsprachige Schauspieler schaffen es nach Hollywood – und noch weniger dürfen bleiben. Christoph Waltz ist es nach seinem Oscar 2010 geglückt, weil er sich nicht auf einen Typus festlegen ließ. Doch ist er ab Donnerstag wieder als Fiesling zu erleben in "Die Drei Musketiere".

Düsseldorf (RP). Wenige deutschsprachige Schauspieler schaffen es nach Hollywood — und noch weniger dürfen bleiben. Christoph Waltz ist es nach seinem Oscar 2010 geglückt, weil er sich nicht auf einen Typus festlegen ließ. Doch ist er ab Donnerstag wieder als Fiesling zu erleben in "Die Drei Musketiere".

Wirklich verstörend ist das Böse, wenn es sich höflich gibt, charmant, so maliziös freundlich wie Christoph Waltz als SS-Oberst in Tarantinos "Inglourious Basterds". Mit welch kaltem Genuss er da einen Bauern verhört, der Juden bei sich versteckt hält, das ist an stiller Bedrohlichkeit nicht zu überbieten. Weil Waltz ein Minimalist ist, ein hyperpräziser Akribiker, der kein Wimpernzucken dem Zufall überlässt. Darum zuckt er nicht mit der Wimper, wenn jeder Durchschnittsdarsteller es täte.

Das hat ihm für den Auftritt bei Tarantino den Oscar eingebracht, doch ist ihm danach ein fast noch größeres Kunststück gelungen: Er hat sich nicht festlegen lassen auf das Nazi-Fach, hat nicht gleich die nächste SS-Sadistenrolle übernommen, sondern in "Wasser für die Elefanten" einen Zirkusdirektor gespielt, wenn auch einen vertrackten.

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Oder in der Comic-Verfilmung "The Green Hornet" einen Schurken in der Midlife-Crises. Und er hat sich einen Bart wachsen lassen, keinen vorsichtigen Dreitage-Bart, sondern ein echtes Holzfäller-Exemplar, hinter dem das Gesicht verschwindet.

Waltz (54) hat keinen Typus aus sich gemacht, sondern ein Geheimnis. Seine Rollenwahl ist undurchsichtig, wie seine Schauspielkunst. Das hat Charakter. So einer wird kein Casting-Futter.

Darum kann Waltz jetzt auch bei einem Star-Vehikel wie "Die Drei Musketiere" aufspringen und wieder einen Bösen geben: den diabolischen Kardinal Richelieu. Er ist jetzt dabei, wenn die Filmbranche große Namen zusammenruft, um aus einem alten Stoff einen neuen Kassenschlager zu schmieden. Es ist ein Spaß für ihn, er kann so Geld verdienen, mehr nicht. Und die wichtigen Leute in Hollywood wissen das inzwischen.

Anderen, durchaus ebenfalls talentierten Schauspielern, ist das nicht geglückt. Jürgen Prochnow etwa ist "Das Boot" nie wirklich losgeworden. Egal, in welchem Genre er auftrat, immer hatte er etwas von diesem zähen U-Boot-Kommandanten mit dem fiebrigen Blick. Man roch das Maschinenöl, wenn man ihn sah, den ewigen KaLeun.

Auch eine Franka Potente faszinierte die Amerikaner als sture Dauerläuferin mit Rotschopf. Doch dann erwies sich die herbe Ausstrahlung der Schauspielerin für andere Rollen als wenig brauchbar. Sie war vielleicht zu deutsch.

Waltz dagegen ist Wiener und betont das auch. Darum wohl reagierte er empfindlich, als es plötzlich Spekulationen über seine Staatsangehörigkeit gab, Gerüchte aufkamen, er sei kein Österreicher, sondern zumindest rechtlich Deutscher.

In der Tat tauschte er seinen deutschen Pass erst im vergangenen Jahr gegen einen österreichischen ein. Doch aufgewachsen ist er in Wien. Und als Wiener kann er sich abgründig geben.

"Vienna", das klingt nun mal nach Theater, Kaffeehaus und Morbidität. Das passt zu einem, der schon bei seiner Oscar-Werbetour durch die USA mit dem Image des Undurchschaubaren kokettierte. Durchaus geschickt, denen traut man schließlich alles zu.

Dazu die Geschichte, wie er, der Unbekannte, der aus dem alten Europa, von Tarantino entdeckt wurde — bei einem Casting in letzter Minute — und dann einen Brad Pitt an die Wand spielte. Das ist die uramerikanische Tellerwäschergeschichte, die in Hollywood immer noch zieht. Und hierzulande auch.

Waltz tritt immer bescheiden auf, höflich, aber nie unsicher. Er ist belesen, schlagfertig, auch wenn er Englisch spricht, manchmal brillant. Wenn er bei der Berlinale-Pressekonferenz zu "Wasser für die Elefanten" mit öden Fragen nach seinem Verhältnis zum Zirkus gequält wird, fällt ihm aus dem Stand die Formulierung ein, Zirkus sei eine "Welt, die schwebt".

Und dann erzählt er von berühmten italienischen Jongleuren, deren Namen nur Fachleute kennen, und schindet Eindruck auf unprätentiöse Art. Mit so einem will man arbeiten. Intelligenz ist mindestens so anziehend wie Schönheit.

Oder er sitzt bei Letterman in der mächtigsten Plauder-Show der USA und macht charmante Witze darüber, dass ihm als Kind einer Wiener Theaterfamilie schlicht nichts Besseres eingefallen sei, als Schauspieler zu werden.

Die Zuschauer lachen über so viel Understatement, Humor schafft Sympathie, Selbstironie gleich doppelt. Doch was hängen bleibt, ist, dass dieser Mann aus einer Künstlerfamilie bester europäischer Tradition stammt. Das ist Selbstvermarktung edelster Schule. Waltz hat das drauf.

Natürlich steckt hinter all seiner Zurückhaltung und klugen Bescheidenheit enormes Selbstbewusstsein. Doch beruht es bei Waltz auf Können. Und das hat er sich erarbeitet. Spricht man mit Lehrern des Wiener Max-Rheinhardt-Seminars, an dem er studierte, erzählen die von einem fleißigen, keinem glänzenden Schüler. Von einem, der durch Beharrlichkeit auffiel, durch einen Ehrgeiz, der die Mühe nicht scheut.

So beharrlich war dieser Waltz, dass er nach der Ausbildung am Rheinhardt-Seminar noch nach New York ging, um weiter zu studieren. Es gab eine Zeit, da wusste Waltz, dass er noch nicht gut genug war, dass er noch lernen musste. Er hat das auf sich genommen, emsiger als verlangt, und nun ist die Zeit gekommen, dass er davon zehren kann.

Trotzdem hat er in Interviews nach der Oscar-Verleihung immer wieder betont, dass man sich Preise wie diesen nicht allein verdienen könne. Das klang dann immer, als wolle er sich wappnen gegen das Abebben seines Ruhms. Als könne ihm das deutsche Fernsehen wieder drohen.

Doch dann fragten Größen wie Polanski an und besetzen Waltz neben Stars wie Kate Winslet und Jodie Foster. Mit ihnen spielt er jetzt in der Verfilmung des Theaterstücks "Der Gott des Gemetzels".

Premiere ist bei den Filmfestspielen von Venedig, die am Mittwoch beginnen. Da wird Christoph Waltz am Rande wieder den Zurückhaltenden geben, die Rolle, die er so gut kann. Und man wird ihm weiter alles zutrauen.

Hier geht es zur Bilderstrecke: Ausschnitte zu "Die drei Musketiere"

(RP)
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