Catherine Deneuve spielt mit Tochter in "Flohmarkt der Madame Claire"

Neuer Film mit Catherine Deneuve : Madame beschließt zu sterben

Catherine Deneuve und ihre Tochter Chiara Mastroianni veredeln das Familiendrama „Der Flohmarkt der Madame Claire“. Die Hauptfigur des Films träumt, nur noch einen Tag zu leben zu haben.

Diese Madame heißt zwar Darling, aber wenn man sie reden hört, klingt der Name wie Sarkasmus. Als die beste Freundin ihrer Tochter aus Schulzeiten sehr freundlich und arglos fragt, ob sie sie denn nicht mehr erkenne, sie sei doch Martine, entgegnet die Madame ungerührt: „Ach ja, die dicke Martine.“

Catherine Deneuve spielt die Titelrolle in dem Film „Der Flohmarkt der Madame Claire“, und die 75-Jährige tut das in den ersten Minuten mit einer amüsant anzusehenden Herablassung. Im Verlauf des Films wird sie die indes ablegen, denn Claire Darling hat in der Nacht geträumt, dass am Morgen ihr letzter Tag auf Erden beginnt. Und anstatt es sich schön zu machen und alle Familienmitglieder und Freunde einzuladen, mistet sie aus. Sie lebt in einem herrschaftlichen Haus in der nordfranzösischen Provinz, und das Haus sieht toll aus mit seinem von Rosen umrankten gelben Sandstein, dem Efeu, der mit Kies bestreuten Auffahrt und dem mit Statuen geschmückten sattgrünen Garten.

Das Haus ist angefüllt mit dem Strandgut des Lebens, Claire Darling steht einem Museum der Erinnerungsstücke vor, und nun lässt sie alles vor die Tür bringen; sie veranstaltet einen Flohmarkt, und sie gibt den Leuten die Jugendstil-Lampen, die Empire-Möbel und die wertvollen Spielzeug-Automaten für ein paar Euro mit. Die Schulfreundin der Tochter sieht das mit Schrecken und ruft sofort in Paris an: Marie, Deine Mutter macht gerade Dummheiten.

Die französische Regisseurin Julie Bertuccelli hat die in Texas angesiedelte Handlung des Debütromans „Faith Bass Darling’s Last Garage Sale“ von US-Autorin Lynda Rutledge nach Frankreich verlegt. Sie inszeniert ein Familiendrama, das sich erst allmählich auffaltet, elegant gebaut ist und von seinen Hauptdarstellerinnen getragen wird – die wiederum ebenfalls familiär verbändelt sind: Marie, die nun aus der Hauptstadt heraneilt, wird nämlich von Chiara Mastroianni (46) gespielt, der Tochter von Catherine Deneuve und des 1996 an einer Krebserkrankung gestorbenen Marcello Mastroianni. Die Beiden hatten schon einige gemeinsame Auftritte, das erste Mal standen sie zusammen vor der Kamera, als Chiara Mastroianni 21 war: André Téchiné besetzte die Frauen damals für „Meine liebste Jahreszeit“.

Mutter und Tochter haben einander in „Madame Claire“ seit Jahren nicht gesehen, die Erlebnisse der Vergangenheit und die daraus entstandene Sprachlosigkeit lasten schwer auf dieser Familie. Der Vater führte das örtliche Zementwerk, der Bruder kam als Jugendlicher bei einer Sprengung im zugehörigen Steinbruch um, der Vater erlag kurz danach einem Herzinfarkt, und so zerbrach die Familie. Die Regisseurin erzählt die Vorgeschichte sehr schön und trotz aller Raffinesse mit Leichtigkeit in Rückblenden, die wie Staffelübergaben anmuten, weil die Hauptfiguren teilweise mit ihren früheren Ichs im Bild stehen. Das gibt der Produktion etwas Märchenhaftes.

Durch die an einem einzigen Tag spielende Handlung zieht sich die Frage, wie sehr wir Dinge aufladen können mit Erinnerungen und Gefühlen, wie stark sie sich durch unsere Projektionen beleben. Die Sachen, die Madame Claire verkauft, schlafen unter dichtem Staub, er steht für den Schmerz und die Traurigkeit, die in dieser Familie immer dicker wurde und nie durchbrochen werden konnte. Jedes dieser Dinge hat eine Geschichte, jedes bewahrt etwas, aber jedes ist zugleich Mahnmal des Unglücks. Insofern bestätigt auch diese Erzählung den berühmten ersten Satz von Tolstois „Anna Karenina“. „Alle glücklichen Familien gleichen einander, jede unglückliche Familie ist auf ihre eigene Weise unglücklich.“

„Der Flohmarkt der Madame Claire“ ist kein großes Filmkunstwerk, dafür ist die Handlung zu sentimental, dafür ist manches Bild wie das von Deneuve im Autoscooter allzu plakativ. Dass man dennoch seine Freude an dem Werk haben kann, liegt an dem Mutter-Tochter-Konflikt, der allgemeingültig inszeniert und fein gespielt wird.

Es gibt eine großartige Szene, in der Marie von der anhaltenden Schroffheit ihrer Mutter so enttäuscht und genervt ist, dass sie sich ins Auto setzt und zurück in ihr eigenes Leben fahren möchte. Bevor sie jedoch auf die Autobahn fährt, kommt sie an einen Kreisverkehr. Sie fährt unentschlossen darin herum und sieht die Abfahren vorüberfliegen: Paris, Heimatdorf, Steinbruch. Alle Möglichkeiten also und zu jeder gibt es eine kleine Rückblende. Natürlich fährt sie dann nicht zurück nach Paris, sondern heim. Nach Hause.

Die Entscheidung wird sich – wie fast immer in vergleichbaren Fällen – als goldrichtig herausstellen.

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