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Internationale Filmfestspiele von Cannes: Was ist es noch wert?

Cannes : Cate Blanchett hält Hof in Cannes

Die Schauspielerin begeistert in "Carol" die Zuschauer des Filmfestivals. Am Sonntag werden die Preise vergeben.

In Cannes' besseren Tagen hätte die Presse wohl keinen Centime für die Geschichte mit den Pfennigabsätzen gegeben. Nun aber muss man sich fragen, was die "Siebte Kunst", wie die Franzosen stolz das Kino nennen, überhaupt noch wert ist, wenn seit Tagen über Stöckelschuhe debattiert wird. Drei Besucherinnen waren offenbar wegen zu flachen Schuhwerks des roten Teppichs verwiesen worden. Skandal!

Nun hat sich Direktor Thierry Frémaux sogar offiziell entschuldigt: "Vielleicht gab es einen kleinen Moment des Übereifers", lautet hoffentlich das Schlusswort der absurden Debatte, die nicht mehr zu kontrollieren schien, nachdem sich Hollywood-Star Emily Blunt eingeschaltet und das Gegenteil zum Postulat erhoben hatte: "Jede Frau sollte auf High Heels verzichten."

Cannes-Veteranen können darüber nur die Köpfe schütteln. Einerseits sieht man tagtäglich Sandalenträgerinnen ungehindert, ja bewundert über das Rot flanieren, den nötigen Schick einmal vorausgesetzt. Andererseits gelten für Männer weit strengere Auflagen. Ich lernte das bei meinem ersten Tag bei diesem Festival vor 14 Jahren: Am unteren Rand der roten Treppe musste ich zwangsweise eine schwarze Fliege kaufen - und wurde oben angekommen doch noch abgewiesen: Meine nagelneuen Schuhe waren leider nur von Camper.

Bei so viel Aufregung kann der Thriller "Sicario", in dem Emily Blunt im Wettbewerb zu sehen ist, kaum mithalten. Als amerikanische Polizistin wird sie im Grenzgebiet zu Mexiko unfreiwillig zur Komplizin eines korrupten FBI-Agenten. Unter der Regie des Kanadiers Denys Villeneuve wird leider nicht mehr als ein durchschnittlicher Polizei-Thriller daraus. Und sicher nichts, das unter den professionellen Augen der Jury-Präsidenten Joel und Ethan Coen bestehen könnte. Ihnen ist in den letzten acht Tagen kein besserer Film gezeigt worden als Todd Haynes makelloses Gesellschaftsdrama "Carol": Nach der Vorlage von Patricia Highsmith verführt Cate Blanchett Nachwuchsstar Rooney Mara als Ladenmädchen zum Coming Out. In einer ungesehenen Detailtreue lässt Haynes das konservative Amerika der frühen 50er Jahre auferstehen und schafft einen zeitlosen Liebesfilm. Unangefochten führt das Meisterwerk bei den Kritikerumfragen.

Dennoch lehrt die langjährige Cannes-Erfahrung, dass Favoriten nicht immer mit dem verdienen Palmengold nach Hause gehen. Als Überraschungskandidat könnte ausgerechnet ein historischer Martial-Arts-Film aus dem alten China bei der Preisverleihung am Sonntag das Rennen machen. Regisseur Hou Hsia-Hsien galt bisher als einer der angesehensten Vertreter eines minimalistischen Kunstfilms. Doch gerade deshalb ist es ihm wohl nun gelungen, einem alten Genre völlig neue Seiten abzugewinnen. "The Assassin" ist in seinen malerischen Bildern ein Meisterwerk des Schwertkämpferfilms geworden.

In den weiteren Kategorien bot das starke Wettbewerbsprogramm viele aussichtsreiche Kandidaten. Als sicher gilt ein Preis für den ungarischen Holoaust-Film "The Son of Saul", der in einer ungesehenen Nähe in die Tötungsmaschine Auschwitz führt. Unter den Darstellern hat sich der Star Colin Farrell ins Herz der Festivalbesucher gespielt. "The Lobster" heißt die grandiose Satire des Griechen Yorgos Lanthimos, die Farrell einen imponierenden Ausflug ins Kunstkino bescherte. In einer Parallelgesellschaft werden Alleinstehende nicht mehr geduldet. Und wer in 44 Tagen keinen Partner findet, muss sich in ein Tier seiner Wahl verwandeln lassen. Farrells Filmfigur entscheidet sich für einen Hummer. Auch in Cannes ist das ein überaus begehrtes Tier, neben der beliebten Auster.

Und: In den Fischrestaurants der Croisette gibt es nicht mal eine Kleider-Etikette.

(RP)