Film "Eisenstein in Guanajuato": Peter Greenaway bringt Leben in die Berlinale

Film "Eisenstein in Guanajuato" : Peter Greenaway bringt Leben in die Berlinale

Mit seinem Film über den russischen Regisseur Sergei Eisenstein führt Peter Greenaway vor, dass Biopics nicht langweilig ein Künstlerleben nacherzählen müssen, sondern selbst Kunstwerke sein können. "Eisenstein in Guanajuato" jedenfalls ist die expressionistische, körperbetonte Geschichte eines Coming-outs – und ein Bärenkandidat in Berlin.

Mit seinem Film über den russischen Regisseur Sergei Eisenstein führt Peter Greenaway vor, dass Biopics nicht langweilig ein Künstlerleben nacherzählen müssen, sondern selbst Kunstwerke sein können. "Eisenstein in Guanajuato" jedenfalls ist die expressionistische, körperbetonte Geschichte eines Coming-outs — und ein Bärenkandidat in Berlin.

Eisenstein ist schlecht. Hundeübel. Wie ein Kind hat er bei seinem ersten Besuch in Mexiko all die neuen Köstlichkeiten probiert, Schnaps getrunkten, ist durch die Hitze gelaufen und nun ist er krank, sein Begleiter muss ihn aus der Gosse ziehen, besudelt, ihn unter die Dusche setzen, zwischen die sauberen Laken seines thronartigen Bettes schieben.

Dieser berühmte Regisseur aus Russland, der Mann, der Werke wie "Panzerkreuzer Potomkin" und "Oktober" schuf, ist ein kindisches, verwöhntes, aufbrausendes Genie, das man nicht allein durch ein fremdes Land laufen lassen kann. Und ein Mann, der seine sexuelle Bestimmung erst noch finden muss. In Mexiko wird ihm das gelingen.

Dorothee Krings berichtet von der Berlinale aktuell im Live-Blog.

Ein intensives, impulsives Gesamtkunstwerk

Furios meldet sich der Brite Peter Greenaway bei der Berlinale — als Bärenkandidat. Sein "Eisenstein in Guanajuato" ist kein braves Biopic, nicht noch eine Nacherzählung irgendeines Künstlerlebens. Es ist ein Ausruf. Ein intensives, impulsives, mit Farben, Formen, Kameraführung experimentierendes Gesamtkunstwerk.

"Ich empfinde Trauer darüber, dass die meisten Filmemacher all die Möglichkeiten der Filmsprache gar nicht auskosten"; sagte Greenaway bei der Berlinale, "das europäische Kino ist doch tot, dabei hat die Zeit des Kinos gerade erst begonnen. Wir bauchen Filmemacher, die wieder etwas wagen, die visionäres Kino machen."

Greenaway ist 72 — und doch ist er selbst der Revoluzzer, den er sich wünscht. Was natürlich auch zeigt, wie smart der eloquente Brite seine Chance nutzt, sich für einen Preis bei der Berlinale zu empfehlen. Tatsächlich driftet sein Film aber nie ins Manirierte ab, die vielen Einfälle, geteilten Bildschirme, Kombination von historischen Fotos und Bildmaterial mit Greenaways prallen Bildern aus Mexiko, sind ein Rausch. Und bestes Unterhaltungskino.

Einige Bettszenen sehr explizit

Das liegt auch am Hauptdarsteller. Der Finne Elmer Bäck macht aus Eisenstein ein launisches Riesenbaby, aber er geht nur so weit, dass doch zu erkennen ist, welcher Mann sich hinter dieser Rolle verbirgt.

Es hat Gerüchte gegeben, die russische Regierung habe Greenaway Archivmaterial verweigert, weil ihr die Darstellung der Homosexualität des russischen Filmgenies nicht gefallen habe. Greenaway bestritt das in Berlin. Bei der Archivfrage sei es um den zweiten Film gegangen, den er über Eisenstein plant. "Der Anteil der russischen Regierung an meiner Arbeit ist Null", sagte Greenaway. Es habe keine Einmischung, aber auch keine Unterstützung gegeben. "Sonst hättten wir ja mal offen über das Thema diskutieren können", so Greenaway. "Aber dazu ist es leider nciht gekommen."

Einige Bettszenen in seinem Film sind sehr explizit. Das sei wichtig, sagte Greenaway, zum Glück lebe er heute in Zeiten, da man offen über seine sexuelle Orientierung sprechen könne. Und darum müsse man das in einem Film auch zeigen dürfen.

(dok)
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