Begegnung in Berlin Christian Bale — der schwierige Filmstar

Berlin · Der 40-jährige Batman-Darsteller Christian Bale gilt als einer der besten Schauspieler Hollywoods. Im März könnte er für seine Rolle in der Gaunerkomödie "American Hustle" seinen zweiten Oscar bekommen. Eine Begegnung in Berlin.

Kurz bevor es losgeht, gibt die Dame von der Produktionsfirma letzte Anweisungen. Keine Fotos. Und bloß nicht das Presseheft zum Film "American Hustle" auf den Tisch legen. Da ist nämlich ein Bild drin, das nicht freigegeben wurde. Sieht er es, könnte er zornig werden. Ach so: Bitte kurz aufstehen und woanders hinsetzen. Sorry, aber es ist nur noch ein Stuhl mit dem Rücken zur Tür frei, und dort sitzt er gar nicht gerne.

Dann ist alles gut, und Christian Bale betritt endlich die Suite im Regent-Hotel am Gendarmenmarkt in Berlin. Seine Hände stecken in den Taschen einer grünen Bundeswehrhose. Dazu trägt er ein schwarzes Hemd, das er offenbar eben erst aus der Packung genommen hat, denn im Stoff sind harte Knickfalten zu sehen. "How are you?", fragt er und wirkt eigentlich ganz nett.

Christian Bale. Brite. 40 Jahre alt. Er gilt mit Leonardo DiCaprio und Michael Fassbender als bester Schauspieler seiner Generation. Mit 13 übernahm er die Hauptrolle in Steven Spielbergs "Reich der Sonne". Er war "American Psycho" und "Batman". Den Oscar bekam er für "The Fighter", nun ist er für "American Hustle" abermals nominiert - die Entscheidung fällt am 2. März. Ein schwieriger Hollywood-Star. Unberechenbar in Interviews, unangenehm mitunter. Lacht selten, ist nicht ironisch, kein Schäkern. Schwer zu nehmen. Deshalb eignet er sich so gut als Held in nihilistischen Dramen. Legendär sein Ausraster gegen den Beleuchter beim Dreh von "Terminator": vier Minuten Hass, darin 35 Mal das Wort "Fuck". Jetzt also das Treffen bei der Berlinale. Hallo, Mr. Bale. Geht ganz gut, Danke der Nachfrage.

29 Kilo weniger für "The Machinist"

Erster Eindruck: kleiner als gedacht, schmächtiger als Batman, feingliedriger. Und: Der Bauch ist weg. In "American Hustle" trägt er einen derart ausladenden Spitzbauch vor sich her, dass man Bale alleine dafür einen Preis geben müsste, dass er sich dennoch so elegant bewegt. Er kennt sich aus mit dem Ab- und Zunehmen. Für "The Machinist" hungerte er sich einst 29 Kilo runter. Wie das ging? Ein Apfel und eine Dose Thunfisch am Tag. Das Problem: der geschwächte Kreislauf. Die Dreharbeiten mussten mehrfach abgebrochen werden. Da hatte er es jetzt leichter. Den Spitzbauch züchtete er im Sitzen. Milchshakes, Süßigkeiten, wenig Bewegung. "Du bist so weich", habe seine Tochter gesagt. Und am Set kamen ständig Leute, die seinen Bauch anfassen wollten. "Was macht ihr da?", habe er gefragt. Die Leiden des Konvexen. Er kann also doch scherzen.

Die Hände liegen gefaltet in seinem Schoß. Er spricht leise. Sehr ruhig. Fast schüchtern. Es kommen einem Bilder aus seinen Filmen in den Sinn. Patrick Bateman hat auch so ruhig gesprochen in "American Psycho". Zunächst jedenfalls. Dann kippte die Stimmung in den Wahnsinn. Berühmter Satz am Ende des Films: "Heute sind ziemlich viele Leute von mir umgebracht worden." Bale, der Extremist. "Man kann sich nicht vornehmen, ernst oder lustig zu spielen", sagt er. "Man spielt so, dass es wahrhaftig ist, und der Regisseur macht dann einen ernsten oder lustigen Film daraus."

Warum tut er seinem Körper all das an?

"American Hustle" wirkt eher lustig. Eine Gaunerkomödie ist das, eine Farce. Bale und Amy Adams verkaufen falsche Kredite und gefälschte Kunst. Sie sind so gut, dass ein FBI-Mann sie für sich einspannt. Bale spielt Irving Rosenfeld, der im Hauptberuf eine Wäscherei betreibt. Es gibt eine unfassbar schöne Szene, da küsst Bale Amy Adams inmitten von zellophanverpackter Wäsche. Der Film spielt in den 70er Jahren, und in der ersten, sehr langen Einstellung legt Bale seine Frisur zurecht. Er verteilt die letzte verbliebene Strähne mit Kleber und Haarspray hingebungsvoll auf dem Kopf. "Mein eigener Kopf war rasiert, das hätte sonst nicht geklappt", sagt Bale. Warum tut er seinem Körper all das an? "Der Körper einer Figur ist ein Zugang zu ihrem Inneren", antwortet er. "Der Zustand eines Körper ist ein Spiegel für das geistige Wohlbefinden."

Bale taut auf. Geständnislaune. "Nach Ende der Dreharbeiten bin ich oft traurig. Ich rede manchmal tagelang wie die Figur, die ich gespielt habe." Er müsse sich dann erstmal wiederfinden. Lernt er durch die Rollen also etwas über sich? Blitzende Augen. Jetzt doch noch ein Aufbrausen? Nein. "Schauspielerei lehrt nichts, nur das Leben lehrt etwas." Bale, der Philosoph. "Ich kenne mich im Film gar nicht so gut aus. Ich bin besser in Literatur und Musik. Aber ich mag es, mich mit Menschen zu beschäftigen. Und wenn ich mich auf eine Rolle vorbereite, beobachte ich Menschen. Drehs beginnen Monate vor Beginn der Dreharbeiten." Spannend.

Die Dame von der Produktionsfirma kommt herein. Schluss, vorbei, sorry. War toll, sagt man noch. Und von wegen uncharmant — alles falsch. Aber Bale hört es nicht. Er ist schon fort.

(RP)
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