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Berlinale 2017 ist Startschuss fürs Filmgeschäft

Das "raue" Festival : Die Berlinale ist der Startschuss fürs Filmgeschäft

Stars wie Penélope Cruz oder Richard Gere geben dem Filmfestival ab nächste Woche den Glamour. Doch jenseits des roten Teppichs werden Geschäfte gemacht. Die Berlinale ist das erste große Treffen der Branche - und die hat ein maues Jahr hinter sich.

Über den neuen US-Präsidenten will der Berlinale-Chef nicht viele Worte verlieren. "Unser Programm ist Protest genug", sagt Dieter Kosslick. Das Filmfestival in Berlin gilt als das politische in der A-Liga. Das soll auch in diesem Jahr so sein. Viele der 399 Filme aus der ganzen Welt, die ab dem 9. Februar gezeigt werden, erzählen Geschichten von Verunsicherung und Entwurzelung. Doch es soll auch heiter zugehen. Das Programm zeige viel Mut und Zuversicht, so Kosslick, es gebe in diesem Jahr viel Humor in den Filmen.

Die Berlinale gilt in der Branche als das raue Festival. Die deutsche Hauptstadt kann Anfang Februar ihre Gäste nicht mit Sonnenschein umschmeicheln wie Cannes oder Venedig später im Jahr. Stars wie Penélope Cruz, Richard Gere und Catherine Deneuve, die in diesem Jahr erwartet werden, müssen sich in Berlin warm anziehen. Doch der Glamour ist nur die eine Seite. Die Berlinale ist auch ein großes Branchentreffen - das Erste im Jahr.

"Berlinale bedeutet für mich eine Woche rackern", sagt Frank Henschke, Gründer der Produktionsfirma Vistamar. "Das Festival ist nach außen glamourös - und so soll es sein, für die Filmschaffenden ist es vor allem eine Gelegenheit, viele Menschen zu treffen, die endlich an einem Ort zusammenkommen." Der Düsseldorfer Produzent arbeitet gerade etwa an einem historischen Stoff, einer Koproduktion mit Kollegen aus Österreich und der Schweiz, in der es um einen Untersuchungsrichter gehen wird, der in der nach-napoleonischen Zeit gegen die Lynchjustiz eintritt. "Alle Beteiligten werden in Berlin sein, wir werden uns mehrfach treffen, ohne dazu in Flieger steigen zu müssen", sagt Henschke. Dazu kommen Meetings zu anderen Projekten, und natürlich wird er sich auf dem Europäischen Filmmarkt umtun, der parallel zum Festival im Berliner Gropius-Bau stattfindet. Da geht es um neue Stoffe, um Weltfilmrechte, um Koproduktionsmöglichkeiten - Filmkünstler und Filmverwirklicher finden zueinander.

2016 war ökonomisch eher mau

Die Berlinale ist der Startschuss in das neue Filmjahr. Das zurückliegende war für die deutsche Filmwirtschaft eher mau. Nach Rekordzahlen 2015 sank der Umsatz der Kinobranche 2016 wieder unter die Grenze von einer Milliarde Euro, die 2012 erstmals überschritten wurde. Laut des amerikanischen Marktforschungsinstituts ComScore setzten deutsche Kinobetreiber etwa 993 Millionen Euro um. Es fehlte an Blockbustern wie "Star Wars" oder "Honig im Kopf", die 2015 für hohe Einnahmen sorgten. Einzig Simon Verhoevens Flüchtlingskomödie "Willkommen bei den Hartmanns" war mit drei Millionen Zuschauern ein wirklicher Kassenschlager. Obwohl die Filmförderanstalten ihre Zahlen noch nicht vorgelegt haben, dürfte es für 2016 auf einen Besucherrückgang um 12 Prozent zulaufen. Der Ticketverkauf fiele damit zurück auf ein Niveau wie 1992.

Gleichzeitig wird in Deutschland immer mehr produziert. 256 deutsche Filme kamen laut ComScore 2016 in die Kinos, 2015 waren es 184. Doch darunter war eben kein neuer Til Schweiger, kein neuer "Fack ju Göhte" - den dritten Teil soll es in diesem Jahr geben. Dafür konnte das Arthouse-Kino punkten: etwa mit "Toni Erdmann". Die Tragikomödie von Maren Ade hat schon bei ihrer Weltpremiere in Cannes für Aufsehen gesorgt, viele Preise bekommen und vor allem Zuschauer gelockt. In Deutschland haben sie mehr als 700.000 Menschen gesehen, in Frankreich waren es mehr als 340.000. "Solche Begeisterung hilft natürlich, Interesse an deutschen Projekten zu wecken", sagt Birgit Koch von German Films, einer Institution, die Filmschaffen aus Deutschland in der Welt bekannt macht. Dass ein deutscher Arthouse-Film nun vielleicht sogar einen Oscar gewinnen könnte, schafft weitere Aufmerksamkeit. Außerdem räumt "Toni Erdmann" mit Klischees über den deutschen Film auf. "Er behandelt keine historischen Themen, hat Tiefgang, aber auch eine komische Leichtigkeit", sagt Koch.

Längst steht der deutsche Film nicht mehr nur für leichte Komödien

Längst steht der deutsche Film nicht mehr nur für leichte Komödien oder Dramen über Nazi-Zeit und die DDR. Deutsche Filmschaffende bedienen alle Genres, wenn sich auch nicht alles gleich gut ins Ausland verkaufen lässt.

Im Kinoland Frankreich etwa werden deutsche Autorenfilmer wie Volker Schlöndorff, Christian Petzold und Margarethe von Trotta geschätzt. In Japan kam die Hitlersatire "Er ist wieder da" gut an, in Russland liebt man Actionfilme aus dem Hause Til Schweiger. Die Berlinale ist auch ein Ort, an dem ausländische Filmeinkäufer oder Festivalmacher auf solche Titel stoßen. Während des Festivals gibt es zahlreiche Marktempfänge für ausländische Produzenten und Kritiker - und natürlich werden für sie auch spezielle Filmvorführungen angesetzt.

Anne Zohra Berrached war mit ihrem Film "24 Wochen" im vergangenen Jahr die einzige deutsche Teilnehmerin im Wettbewerb der Berlinale. Das eindringliche Drama mit Julia Jentsch und Bjarne Mädel erzählt von einem Paar, das sich für oder gegen eine Spätabtreibung entscheiden muss. Der Film wurde stark wahrgenommen, Julia Jentsch in diesem Jahr in die Berlinale-Jury berufen.

Die Regisseurin erlebte das enorme Interesse an ihrem Film und ihrer Person, die vielen Interviews und Begegnungen damals wie einen Rausch. "Dass 24 Wochen auf der Berlinale im Wettbewerb lief, hat mich zur Regisseurin gemacht", sagt Berrached, "seither kann ich mir aussuchen, was ich drehe."

Einen "Tatort" mit Maria Furtwängler hat sie gerade abgedreht, ein neues Filmprojekt ist in Arbeit: "Die Frau des Piloten" wird von der Frau eines der Attentäter erzählen, die den Anschlag auf das World Trade Center in New York verübten. Bei der Berlinale wird Berrached nun am Co-Produktionsmarkt teilnehmen. Der Film soll über drei Länder produziert werden. "So ein riesiges Projekt habe ich noch nie vorher gemacht, ich freu mich darauf", sagt die Regisseurin, "ich wollte das alles, darauf habe ich hingearbeitet."

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(dok)