Berlinale 2017: Aki Kaurismäki stellt Flüchtlingsfilm vor

Flüchtlingsfilm von Aki Kaurismäki : "Wo zum Teufel ist die Menschlichkeit geblieben?"

Aki Kaurismäki stellt bei der Berlinale seinen Flüchtlingsfilm "Die andere Seite der Hoffnung" vor und erklärt Angela Merkel seinen Respekt.

Ein wenig erinnert Aki Kaurismäki an ein Krokodil, wie er da mit schwerem Blick bei der Berlinale vor den Journalisten sitzt und sich träge gibt. Doch dann schnellt er plötzlich hervor, sagt Sätze, die es in sich haben: "In Europa gab es vor 60 Jahren 60 Millionen Flüchtlinge. Denen haben wir geholfen, heute sehen wir in ihnen Feinde. Wo zum Teufel ist die Menschlichkeit geblieben? Wenn wir nicht menschlich sind, sollten wir nicht existieren."

Neun Mal hat Kaurismäki bereits Filme bei der Berlinale gezeigt, doch dieses Jahr hat er es erstmals in den Wettbewerb geschafft. In "Die andere Seite der Hoffnung" erzählt er in seinen komisch steif arrangierten Bildern und langsamen Dialogen eine bittere Geschichte, in der man doch oft lachen muss. Die Ausgangssituation ist ganz Kaurismäki: Ein Hemdenvertreter beginnt ein neues Leben als Besitzer einer abgesagten Bierkneipe in Helsinki. Ein Flüchtling aus Syrien strandet in Finnland. Sein Asylantrag wird abgelehnt, daraufhin taucht er unter und landet als Angestellter in der Bierkneipe.

Mit märchenhafter Einfachheit fügen sich die Dinge manchmal glücklich bei Kaurismäki. Der Flüchtling bekommt gefälschte Papiere, seine Schwester wird aus dem Baltikum nachgeholt. Immer wieder sind es "gute Menschen", die dem Syrer weiterhelfen. Doch ein gutes Ende nimmt die Geschichte nicht. In seiner scheinbar naiven Erzählweise führt Kaurismäki die Flüchtlingsdebatten auf ihren simplen Kern zurück: Auf die Frage, ob Menschen in Sicherheit Menschen in Not helfen oder nicht.

Bei der Berlinale bekam er dafür viel Applaus. Doch wurde er in der Pressekonferenz auch gefragt, was er denn zur Islamisierung Europas sage. "Islandisierung Europas", antwortete er, "Island war ganz gut in Fußball, aber darum müssen wir doch nicht die Islandisierung Europas fürchten."

Mit dieser auf finnische Temperaturen heruntergekühlter, bissiger Lakonie ging es weiter. Er habe nicht die Einstellung der Europäer zur Flüchtlingsfrage verändern wollen, sondern die aller Menschen in der ganzen Welt. "Aber dazu war mein Film dann wohl doch nicht manipulativen genug", so Kaurismäki. Es habe ihn erschreckt, wie seine Landsleute reagiert hätten, als eine große Zahl irakischer Flüchtlinge ins Land gekommen sei. "Da hatten plötzlich alle Angst, dass man ihnen das Auto klaut. Oder die Politur fürs Auto. Die Leute hatten ein komisches Gefühl. Und dann wurden Bomben geschmissen. Und das hat mir nicht gefallen."

Das Krokodil schließt die Augen. Nächste Frage. Zwischendurch animiert Kaurismäki seinen Hauptdarsteller statt eine belanglose Frage zu beantworten, einen finnischen Tango zu singen, was der mit satter Bassstimme tut.

Dann wieder Politik. Europa hätte es nach dem Zweiten Weltkrieg geschafft, in einem demokratischen System die Verbrechen der Vergangenheit zu verarbeiten. Aber dieses politische System verfalle jetzt. "Weil wir nicht gut sind", so Kaurismäki. "Unsere Kultur ist nur ein Millimeter Staub auf unseren Schultern, der ist schnell weggewischt. Deswegen respektiere ich Frau Merkel, sie ist die einzige, die sich für dieses Problem zumindest zu interessieren scheint." Schließt wieder die Augen und sagt dann: "Das war keine politische Äußerung."

(dok)
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