Filmfestspiele in Berlin Die besten und schrägsten Momente der Berlinale

Berlin · Ein Film, bei dem man wegschauen möchte. Ein Hintereingang, an dem sich die wahre Popularität eines Stars zeigt. Und eine Kuss-Szene, die Lust aufs Selber-Küssen macht. Das sind die wichtigen Momente der Berlinale 2024.

 Birgit Minichmayr als Malerin Maria Lassnig in „Mit einem Tiger schlafen“.

Birgit Minichmayr als Malerin Maria Lassnig in „Mit einem Tiger schlafen“.

Foto: coop99 Filmproduktion

Birgit Minichmayr als Kunst-Star Maria Lassnig

In dem Film „Mit einem Tiger schlafen“ spielt Birgit Minichmayr die Malerin Maria Lassnig (1919–2014), die lange lediglich als Partnerin des genialen Arnulf Rainer galt und erst spät im Leben die Anerkennung bekam, die ihr und ihrem Werk gebührt. Im Film ermahnt die Mutter ihre Künstler-Tochter, sie müsse endlich heiraten, damit sie versorgt sei. „Wenn ich jemanden heirate, dann einen, der meine Bilder versteht“, entgegnet Lassnig. Darauf die Mutter: „Da kannst Du lange warten.“

Kristen Stewart in Bodybuilding-Trash-Film

 Kristen Stewart mit Katy O’Brian in „Love Lies Bleeding“.

Kristen Stewart mit Katy O’Brian in „Love Lies Bleeding“.

Foto: Berlinale/Anna Kooris

Love Lies Bleeding“ ist der neue Film mit „Twilight“-Star Kristen Stewart. Das ist ein ultrabrutaler Mix aus Tarantino-Thriller, lesbischem Bonnie & Clyde und Trash. Stewart spielt eine Frau, die 1989 in der amerikanischen Provinz in einem Bodybuilding-Studio arbeitet und die Kunden bei Ladenschluss mit dem Satz „Wir machen zu, verpisst euch“ rauswirft. Über den Gewichten hängen Schilder mit Motivationssprüchen. Einer lautet: „Schmerz ist Schwäche, die den Körper verlässt.“

Berlinale 2024 Eröffnungsgala: Diese Promis waren auf dem Roten Teppich
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Starauflauf bei der Eröffnungsgala der Berlinale 2024

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Foto: AP/Ebrahim Noroozi

Niemand raucht so cool wie sie

Übrigens sieht niemand beim Rauchen so cool aus wie Kristen Stewart. Sie birgt die Kippe zärtlich in der hohlen Hand. Versuchen selbst Nichtraucher im Kino nachzumachen, klappt aber nicht.

Wolodymyr Selenskyj bei der Berlinale

In „Turn In The Wound“ dokumentiert Regisseur Abel Ferrara („Bad Lieutenant“, „King Of New York“) das Leben in Kiew seit dem Überfall Russlands auf die Ukraine. Er interviewt auch Präsident Wolodymyr Selenskyj. Der sagt: „Nur wenn du keine Angst hast, kannst du wirklich frei sein.“

 Patti Smith in der Dokumention „Turn In the Wound“ von Abel Ferrara.

Patti Smith in der Dokumention „Turn In the Wound“ von Abel Ferrara.

Foto: Rimsky Productions Maze Pictures

Der schlechteste Film der Berlinale

Ansonsten ist „Turn In the Wound“ ein schlechter Film. Ferrara spielt mit dem Zoom seiner Handykamera, während er Kriegsopfer über ihre Erlebnisse reden lässt. Er tut so, als wäre dieser Krieg etwas Neues und als sei er der erste, der über ihn berichte. Er zeigt sich selbst, wie er im ukrainischen TV Interviews gibt und sich als New Yorker Gesandter im Auftrag der Wahrheit inszeniert. Und das Schlimmste: Er schneidet Kriegsszenen zusammen mit einem Auftritt von Patti Smith in Paris. Während also Bomben fallen, rezitiert Smith Lyrik von Rimbaud, was in diesem Zusammenhang manieriert und falsch wirkt. Am Ende mag man gar nicht hinsehen, weil Krieg wider Willen ästhetisiert wird.

Kuss-Szene so schön wie bei „Spider-Man“

„The Outrun“ von „Systemsprenger“-Regisseurin Nora Fingscheidt ist ein harter und zugleich hoffnungsfroher Film über eine Alkoholikerin, die auf den sturmumtosten Orkney-Inseln vom Suff wegzukommen versucht. Es gibt darin eine wunderbare Kuss-Szene, die ein bisschen an das legendäre Vorbild mit Kirsten Dunst und Tobey Maguire in „Spider-Man“ erinnert. Sie spielt in einem Club in London, die umwerfende Hauptdarstellerin Saoirse Ronan liegt mit dem Rücken auf einem Podest auf der Tanzfläche, dann kommt ihr unten stehender Film-Freund und küsst sie. „Hi“, sagt er danach, „Hi“, sagt sie, und dazu glitzert der Flitter auf ihrem für den Partyabend geschminkten Gesicht im Blitzlicht des Stroboskops.

Die beliebtesten Stars bei der Berlinale

Wie beliebt ein Star ist, entscheidet sich am Hintereingang des Grand Hyatt. Da lauern während der Berlinale Autogrammjäger auf Prominente, die in dem Hotel am Potsdamer Platz nach der Aufführung ihres Films eine Pressekonferenz geben. Wenn sich die Autotüren mit den getönten Scheiben öffnen, gibt die Lautstärke des Geschreis Aufschluss über die Popularität der aussteigenden Person. Das ist zwar subjektiv gemessen, mit bloßem Ohr und ohne wissenschaftlichen Beleg, aber: Am heftigsten reagierten die Fans bisher auf die Schauspielerinnen Rooney Mara („Verblendung“) und Hunter Schafer („Euphoria“).

Julia von Heinz filmt in Auschwitz

Diese Gänsehaut-Szene in „Treasure“ von Julia von Heinz („Eldorado KaDeWe“). Lena Dunham spielt eine jüdische Frau aus New York, die mit ihm Vater nach Polen reist, um die Orte seiner Vergangenheit kennenzulernen. Der Vater wird von dem tollen Stephen Fry gespielt. Gegen Ende des Films fahren sie in einem Golfcart an der Baracke des Vernichtungslagers Auschwitz vorbei, in dem der Vater gefoltert wurde. „Frühere Insassen werden gefahren, alle anderen müssen gehen“, sagt der Tourguide. „Immerhin das“, entgegnet Fry. Danach herrscht Stille.

Stephen Fry und Lena Dunham in „Treasure“ von Julia von Heinz.

Stephen Fry und Lena Dunham in „Treasure“ von Julia von Heinz.

Foto: Anne Wilk

Sechs Filme am Tag

Abgelauschter Fetzen aus dem Gespräch zweier Kritiker beim Kaffee: „Seit der letzten Berlinale weiß ich, sechs Filme am Tag sind mindestens einer zu viel.“

Israelischer Beitrag zur Berlinale

Das schöne Bild einer Gesellschaft in „Shikun“, dem neuen Film des israelischen Regisseurs Amos Gitai. Er hat sich von Eugène Ionescos absurdem Theaterstück „Die Nashörner“ inspirieren lassen. Garai filmt in der Wüstenstadt Be’er Scheva, in einem Sozialwohnungsbau (hebräisch shikun). Der erste Teil der Produktion besteht aus einer ohne Schnitt gefilmten Einstellung im endlos anmutenden Außenflur der Anlage. Dort treffen Menschen aufeinander, die die Vielfalt der Gesellschaft symbolisieren. Eine Lehrerin, die Zugereisten Sprachunterricht gibt. Einwanderer aus der Ukraine. Ein Holocaust-Überlebender. Rabbiner. Es wird Französisch gesprochen, Hebräisch, Arabisch. Es ist ein bisschen wie ein babylonisches Ballett. Doch dann geht die Kunde, dass immer mehr Menschen sich in Nashörner verwandeln und die Treppen zu dem Gebäude zerstören. „Wie kommen wir hier wieder raus?“, fragt jemand.

Das Mädchen aus der ersten Klasse

Die allerschönsten Szenen bietet manchmal nicht das Kino, sondern die Wirklichkeit. Am Bahnhof Potsdamer Platz zum Beispiel. Eine Mutter, ein Vater und ein Kind steigen in den RegionalExpress, die Tochter stapft voran und geht direkt die Treppe hoch in die zweite Zug-Ebene. „Das ist die erste Klasse. Wir setzen uns unten hin“, ruft der Vater. „Häh?“, entgegnet das Mädchen. „Ich geh doch in die erste Klasse.“ Die Eltern schauen sich an, und dann kommen sie mit und setzen sich oben hin.

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