Avengers Endgame: Disneys Superhelnden-Mythos für das 21. Jahrhundert

Avengers Endgame : Erfolgreichste Helden der Filmgeschichte

Rekord: Der Film „Avengers: Endgame“ hat innerhalb weniger Tage knapp 1,5 Milliarden US-Dollar eingespielt. Warum eigentlich?

Super Zahlen für das Superhelden-Epos: „Avengers: Endgame“ hat Filmgeschichte geschrieben. 350 Millionen Dollar (314 Millionen Euro) spielte die Disney-Produktion an ihrem ersten Wochenende in den nordamerikanischen Kinos ein, wie die Branchenseite „Hollywood Reporter“ berichtet – das gelang noch keiner Neuerscheinung. Bisher hielt der Vorgängerfilm „Avengers: Infinity War“, der im April des vergangenen Jahres startete, mit 258 Millionen Dollar (231 Millionen Euro) den Rekord. Weltweit brachte „Endgame“ in seinen ersten Tagen 1,5 Milliarden Dollar (1,4 Milliarden Euro) ein, auch das eine Bestmarke. Da stellt sich die Frage: Was macht diese Reihe so erfolgreich?

Um das Phänomen zu erklären, muss man zurückblicken ins Jahr 2008. Das sollte ein neuer Anfang sein – für Superhelden und den Comicbuchverlag Marvel. Der sah neidisch auf den Comicbuch-Konkurrenten DC, der mit seinen weltweit bekannten Ikonen Batman und Superman keine Probleme hatte, Kino-Säle zu füllen. Bei Marvel indes blickte man auf Achtungserfolge wie „Spiderman“ (zusammen mit Sony produziert) zwischen 2002 und 2007 zurück, aber auch auf Misserfolge wie „Daredevil“ (2003). Dann aber übernahm das Marvel-Eigengewächs Kevin Feige die Filmsparte. Und er hatte einen Plan.

Das Marvel-Universum umfasst mehr als 5000 Figuren, von denen die wenigsten außerhalb der Comic-Szene bekannt sind. Und in den Büchern arbeiten viele Helden in großen Geschichten zusammen. Das wollte man auch im Kino umsetzen und anders sein als der Konkurrent DC: Denn die Batman- oder Superman-Abenteuer waren in sich abgeschlossen und nur lose miteinander verbunden. Marvel wollte eine echte Kino-Serie schaffen.

Dafür musste man den störenden Einfluss der großen, stets auf Nummer sicher gehenden Studios zurückdrängen und finanzierte die Filme zunächst selbst. Erst recht, als 2009 Disney das Unternehmen übernahm. Zudem suchte man Regisseure und Autoren, die nicht zum Hollywood-Establishment gehörten – und Darsteller ohne großen Namen. So wie Robert Downey Jr., dessen Qualitäten als Schauspieler unbestritten waren – ebenso wie die Vorstrafen wegen Alkohol- und Drogensucht. Die hatte Downey zwar hinter sich gelassen, viel Vertrauen hatte man in Hollywood trotzdem nicht in ihn. Marvel indes schon. Man besetzte ihn für „Iron Man“. Eine eher unbekannte Comic-Figur. Das breite Publikum ging 2008 ohne Erwartungen ins Kino – und erlebte die witzige Geschichte des genialen Milliardärs und charmanten Playboys Tony Stark, der in einem selbst gebauten Hightech-Anzug Menschen beschützt.

Der Film wirkte in sich abgeschlossen. Das Besondere aber erkannte man erst, wenn man nach dem Ende nicht sofort das Kino verließ: Es gab noch eine Szene nach dem Abspann. Samuel L. Jackson trat dort als Nick Fury auf. Der leitet die Geheimorganisation „Shield“, die unter den Namen „Avengers Initiative“ Wesen mit außergewöhnlichen Begabungen zum Schutz der Erde anwirbt: „Iron Man“ war also nur der Beginn einer ganzen Serie. Der zweite Film führte dann den „Unglaublichen Hulk“ ein: den Wissenschaftler Bruce Banner, der sich nach einem Unfall in ein überstarkes, grünhäutiges Wesen verwandelt, wenn er wütend ist.

Es folgten Geschichten um Thor, den nordischen Gott des Donners, der im Marvel-Universum ein Außerirdischer ist, den es auf die Erde verschlägt. Ebenso trat der stets aufrechte Captain America auf. Der war durch ein Gen-Experiment zu einem Supersoldaten geworden und verteidigte die Freiheit – auch gegen die eigene Regierung oder die Organisation „Shield“. So wuchs das Kino-Universum und führte erfolgreich eine Reihe von männlichen und weiblichen Helden diverser Ethnien ein, die durch Szenen nach dem Abspann verbunden waren. Oder durch Gast-Auftritte in den Filmen. So wie die russische Spezial-Agentin „Black Widow“ oder der zielsichere Bogenschütze „Hawkeye“. In „Avengers“ (2012) hatten sie dann alle ihren ersten gemeinsamen Auftritt. Und es wurde mit Thanos der große, alle Filme übergreifende charismatische Gegner der Superhelden eingeführt.

Marvel wurde nach den ersten Erfolgen immer mutiger. Es tauchten neue Figuren auf, die selbst unter Comic-Fans als exzentrisch galten. Die „Guardians of the Galaxy“ (Wächter der Galaxie) waren eine Truppe aus einem genetisch veränderten, sarkastischen und in Waffen vernarrten Waschbären und einem sprechenden Baum, der im Grunde nur einen Satz beherrschte: „Ich bin Groot“. Dazu kam ein etwas einfältiger Krieger sowie die Adoptivtochter von Thanos – und mit „Starlord“ sogar ein Mensch, der am Ende irgendwie ein Held war, aber auch sehr gerne über seinen Heldenstatus sprach. Die Figuren spielten sich mit ihren sehr eigenen Humor in die Herzen der Fans.

Was für Außenstehende absurd klingen mag, ergab im Marvel-Universum einen Sinn. Als Teil der großen Geschichte um Thanos, der das Leben an sich beschützen wollte – indem er die Hälfte aller Lebewesen im Universum töten würde. Nur so würden aus seiner Sicht Raum und Ressourcen für alle Spezies ausreichen.

Und es wurde noch exzentrischer: Dr. Strange war ein begnadeter Neurochirurg, der nach einem Unfall Hilfe in einem mystischen Orden fand. Dort lernte er aber auch den Umgang mit etwas, das wie Zauberei schien – und am Ende vor allem eine weit fortgeschrittene Art der Wissenschaft war, die Zeit und Raum manipulieren konnte. Ant-Man und Wasp dagegen waren normale Menschen, die sich mit der Hilfe von Hightech-Anzügen auf die Größe eines Insekts verkleinern oder zu Giganten werden konnten. Und Disney schaffte es sogar, sich mit Sony zu einigen: Der japanische Konzern hält die Film-Rechte an der berühmtesten Marvel-Figur Spiderman – und war bereit, sie mit Disney zu teilen. So konnte dann auch dieser Superheld seinen Weg in die Kino-Reihe finden.

Doch die meisten der Helden und Heldinnen waren „weiß“. Das änderte sich 2018 mit „Black Panther“: Ein Film mit farbigen Darstellern von einer farbigen Filmcrew gedreht ging in die Richtung von „Iron Man“, aber war sehr viel ernster: Der Regent eines verborgenen, weit fortgeschritten Staates in Afrika kämpfte in einem speziellen Anzug für sein Land und für die Erde. Mit Captain Marvel führte man 2019 dann noch eine Frau als mächtige Superheldin ein.

Alle diese Figuren hatten ihre eigenen Probleme und Geschichten, die Fans berührten – mit ihrer Mischung aus Action, Humor und Tragik. Gleichzeitig waren sie Puzzle-Teile, die nun in „Endgame“ und im finalen Kampf gegen Thanos das komplette Bild ergeben – das in zehn Jahren und in 22 Filmen Stück für Stück aufgebaut worden war.

Marvel und Disney haben eine moderne Mythologie für das 21. Jahrhundert geschaffen. So wie die Illias und die Odyssee in der Antike oder die Artus-Saga im Mittelalter. Millionen Menschen weltweit haben seit 2008 die Familie der Superhelden begleitet, die so vertraut wie Freunde oder Verwandte geworden sind. Das erklärt, warum viele nun „Endgame“ sehen wollen. Oder warum Erwachsene während des Endes vor Ergriffenheit zittern und sich nicht schämen, in den letzten Minuten zu weinen. Die Marvel-Filme sind zu mehr geworden als nur eine Reihe witziger Action-Streifen. Die Superhelden haben eine weltweite Verbundenheit geschaffen: Ein globaler gesellschaftlicher Konsens in chaotischen Zeiten, der Hoffnung weckt – ganz gleich, wie düster alles scheinen und wie allein man sich fühlen mag.

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