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Abschied von Hardy Krüger: Weltstar und Weltenbummler

Abschied von Hardy Krüger : Tod eines Weltstars und Weltenbummlers

Mit Hollywood-Filmen wie „Hatari!“ und „Der Flug des Phönix“ erlangte Hardy Krüger internationalen Ruhm. Trotzdem blieb er nahbar und ein großer Menschenfreund. Am Mittwoch ist der Schauspieler mit 93 Jahren in den USA gestorben. Ein persönlicher Abschied.

Auf allen Kontinenten war er unterwegs, kämpfte sich durch Dschungel und Wüsten, wanderte über Gebirge und durch Wälder – aber im bergischen Winter, da blieb Hardy Krüger einmal stecken. Damals, vor mehr als 20 Jahren, kämpfte er sich bei dichtem Schneetreiben nach Remscheid zu einer Lesung aus seinem Buch „Weltenbummler“, kam viel zu spät – doch niemand ging vorzeitig, alle warteten. Und Krüger? Erzählte launig, zugewandt, wie es seine Art war, als wäre nichts gewesen, umgarnte das Publikum mit seinen Geschichten. Noch 20 Jahre später erinnerte er sich, von mir darauf angesprochen, an diese kleine Episode. Das habe ihn schwer beeindruckt, sagte er, „dass ihr alle geblieben seid“. In dieser Episode steckt vieles von dem, was ihn auszeichnete – niemals aufgeben, sich überraschen lassen und stets verantwortlich zeigen. Krüger war ein deutscher Weltstar, aber ein sehr nahbarer, einnehmend, interessiert, warmherzig. Am Mittwoch ist er mit 93 Jahren in seiner Wahlheimat Palm Springs in Kalifornien gestorben. 

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 Wenn Krüger eines beherrschte, dann, Geschichten zu erzählen. Erst als Schauspieler, später als Autor. Seine Prosa war an Hemingway geschult, minimalistisch, gut beobachtet. Jeder Satz ein Treffer – manchmal in die Magengrube, oft mitten ins Herz. Mehr als 20 Bücher hat er geschrieben, teils Reiseberichte, viele Erzählungen, auch über sein bewegtes Leben, das schon früh hätte enden können. Krügers Eltern waren glühende Anhänger Hitlers, die für ihren Sohn eine Karriere im Nationalsozialismus vorsahen und begeistert waren, als er 1940 auf der Ordensburg Sonthofen, einer der NS-Kaderschmieden, angenommen wurde.

 Dass Krüger die Augen geöffnet wurden, lag an Ufa-Star Hans Söhnker, der den Jungen, der für den NS-Propagandafilm „Junge Adler“ ausgewählt worden war, unter seine Fittiche nahm und ihm heimlich filmische Meisterwerke vorführen ließ – fast alle von jüdischen Regisseuren gedreht. Das bewirkte einen Sinneswandel bei Krüger, die Wahrheit über die Konzentrationslager erschütterte ihn nachhaltig. Als 16-Jähriger wurde er kurz vor Kriegsende wegen Befehlsverweigerung zum Tode verurteilt, entging aber knapp der Vollstreckung. Bis ins hohe Alter engagierte er sich gegen Rechtsextremismus und -populismus, ging in Schulen, erzählte an gegen falsche Vorbilder und Politikverdrossenheit. Was Kunst, was gutes Erzählen bewirken kann, hatte er ja am eigenen Leib erlebt.

 Nach dem Krieg versuchte er als junger Schauspieler, in Paris und London Fuß zu fassen, wurde aber, blond und blauäugig wie er war, mit Vorurteilen konfrontiert. So einen wie ihn wolle man hier nicht, hieß es. Krüger aber ließ nicht locker, weil er eben nicht der Typ dafür war. Keiner, der aufgibt. Der britische Kriegsfilm „Einer kam durch“ brachte ihm nach Rollen in seichten deutschen Unterhaltungsfilmen 1957 den internationalen Durchbruch. Krüger drehte fortan mit großen Regisseuren wie Howard Hawks („Hatari!“), Robert Aldrich („Der Flug des Phoenix“) und Stanley Kubrick („Barry Lyndon“), spielte an der Seite von Weltstars wie John Wayne, James Stewart und Sean Connery. In seiner Rolle als energisch-besessener Modellflugzeugbauer Heinrich Dorfmann in „Flug des Phoenix“ etwa war er das heimliche Zentrum des Films, ließ einen Altstar wie Stewart fast blass aussehen. Krüger wurde zur deutschen Stimme in Hollywood, zu einer festen Größe, hatte es geschafft, wie man so sagte. Trotz seiner mehr als 75 Filme vermochte die Schauspielerei ihn aber nicht zufriedenzustellen; da gab es immer diese Sehnsucht in ihm nach Lebensfülle, einen unstillbaren Weltenhunger. 

 Schon nach dem Dreh von „Hatari!“ kaufte Krüger die gleichnamige Lodge in Tansania, schrieb darüber 1970 sein erstes Buch „Eine Farm in Afrika“. Fast 20 Jahre lebte Krüger in Afrika, bummelte von dort aus um die Welt, wenn das Fernweh an ihm zerrte. Denn am Pool von Beverly Hills zu liegen, war seine Sache nicht, Krüger wollte immer raus, am liebsten hinter dem Steuerknüppel seines eigenes Flugzeugs, denn das Fliegen gehörte neben dem Schreiben zu seinen großen Leidenschaften. Er wollte etwas sehen von der Welt, Menschen erleben, erfahren, erfühlen. In allen Winkeln des Planeten stöberte er sie auf, sammelte Freundschaften, teils bleibende und berührende, von denen er in seinen Büchern und in seinen Weltenbummler-Reportagen fürs Fernsehen erzählte. Auf die ihm eigene Art mit warmem Timbre und knappen Worten, die es aber meistens schafften, einen Kern freizulegen, ins Innerste vorzustoßen, eine Saite zum Schwingen zu bringen. 

 Auch im fortgeschrittenen Alter fuhren Krüger, dessen Sohn Hardy junior und Tochter Christiane ebenfalls Schauspieler wurden, und seine dritte Ehefrau Anita nach Afrika. Seine Heimat, Deutschland, verlor er deshalb aber nie aus den Augen. „Ich empfinde eine enorme Verantwortung für mein Land“, sagte er 2017 im Gespräch. Auch mit zwei Wohnsitzen in den USA, einem Blockhaus nahe dem Lake Arrowhead in einem Waldgebiet der San Bernardino Mountains oberhalb von Los Angeles und einem Haus in Palm Springs verlor er nie den Kontakt in die Heimat. Weil die Welt sein Zuhause war. Hardy Krüger blieb lebenslang ein Reisender, ein Suchender, aber auch einer, der viel gefunden hat. Und diese Funde mit uns allen teilte. Wie diesen, aus seinem Buch „Weltenbummler“: „Träume gehen nicht verloren. Träume werden manchmal nur vergessen. Und deshalb habe ich an Sie die Bitte: Lassen Sie Ihre Träume, liebe Leser, bloß nicht sterben. Vergessen Sie das Kind, das Sie mal waren, nie.“ Gute Reise, lieber Hardy Krüger.