Film „Lindenberg! Mach dein Ding“ über das Leben von Udo Lindenberg

„Lindenberg! Mach dein Ding“ : Eine ewige Party

Der Film „Lindenberg! Mach dein Ding!“ über das Leben des Stars bis zum Durchbruch 1973 kommt jetzt in die Kinos. Als Märchen, Ausstattungs- und Musikfilm ist er grandios. Es fehlt allerdings an biografischer Tiefe.

Irgendwo am roten Teppich vor dem Essener Kino Lichtburg sieht man einen Hut wackeln, darunter bewegt sich eine hervorstehende Unterlippe, nuschelt ein paar Satzfetzen. Noch ein Imitator, der zur NRW-Filmpremiere von „Lindenberg! Mach dein Ding!“ gekommen ist? Nein, es ist Udo Lindenberg selbst, der in ein paar hingehaltene Mikrofone spricht: „Es ist mir eine Ehre, hier zu sein. Das Ruhrgebiet ist ja auch Heimat. Ich war damals in Duisburg, Bochum, Essen – so ein bisschen rumchecken. Gronau war irgendwann zu klein. Ich musste da raus, wollte Rockstar werden – einer musste den Job ja machen.“

So klingt das, wenn der 73-jährige Panikrocker, der natürlich in schwarzer Kluft und grünen Socken erschienen ist – zwischen zwei Fingern klebt eine halbe Zigarre – sein Leben erzählt. Alles war leicht und cool und quasi alternativlos. Der Film hat diese Haltung übernommen. Das ist zugleich seine Stärke und seine Schwäche – je nachdem, wie man ihn betrachtet.

Nimmt man Hermine Huntgeburths Werk als Märchen, als Ausstattungs- und Musikfilm, dann funktioniert er ganz hervorragend. Das westfälische Gronau der 1950er Jahre, die Reeperbahn der 1970er, die Kellner-Lehre in Düsseldorf, den Ausflug als Rock-Schlagzeuger für amerikanische Truppen in Libyen: Das alles ist grandios eingerichtet und eingefangen, man fühlt sich als Zuschauer sofort ein in diese Atmosphären, richtet sich ein, fühlt sich wohl und bestätigt. So hatte man sich die Zeit und dieses Leben vorgestellt – ein paar Tiefschläge, aber eigentlich eine nicht enden wollende Party.

Die aus Paderborn stammende Hermine Huntgeburth hat schon mit der Verfilmung von Sven Regeners Herr-Lehmann-Roman „Neue Vahr Süd“ bewiesen, dass sie vergangene Jugend-Subkulturen wieder lebendig werden lassen kann – und sich offenbar gut einfühlen kann in die norddeutsche spröde Art, den trockenen und lakonischen Humor. So nimmt sie Udo Lindenbergs ersten Hamburger Jahre als Basis, zu der die nicht-chronologische Film-Erzählung immer wieder zurückkehrt.

Da sind die Clubs der Reeperbahn, in denen sich Udo Lindenberg mit Mucker-Jobs durchschlägt, die Bruchbude, die eigentlich für einen allein schon zu eng ist und die er sich auch noch mit seinem späteren Panikorchester-Bassisten Steffi Stephan teilt. Virtuos ist ein LSD-Trip inszeniert, der die beiden quer durch diese in gelben und roten Tönen gemalte Hamburger Szenewelt führt und das skurrile Figurenkabinett streift, das der junge Musiker schon heimlich zu deutschsprachigen Songtexten verarbeitet: Paula aus St. Pauli, die sich immer auszieht, der österreichische Kiezlude, mit dem als Running Gag Ärger stets programmiert ist, Talentsucher und Produzent Mattheisen.

Dass in den Kindheitsszenen auch Julius Weckauf, der Star aus dem Hape-Kerkeling-Biografie-Film, eine Nebenrolle spielt, ist eine falsche Fährte. „Mach dein Ding!“ hat im Gegensatz zu „Der Junge muss an die frische Luft“ kaum biografische Tiefe. Was den jungen Udo Lindenberg genau dazu bringt, die Klempner-Tradition des männlichen Teils seiner Familie nicht fortzuführen, sondern es auf eigene Faust in der großen Stadt zu versuchen, deutet die Erzählung nur an: Er trägt den Wunsch, Musik zu machen, von jüngsten Jahren an in sich, ist fasziniert vom glamourösen Leben der Fernseh-Unterhaltungsshows und hat Mut und Courage – zum Beispiel dazu, mit 13 eine drei Jahre ältere und einen Kopf größere Turmspringerin anzusprechen. Später schickt er ihr seine erste erfolgreiche Platte „Alles klar auf der Andrea Doria“ mit einem kurzen Brief: „Du bist Cello.“ Und es gibt diese kurze Unterhaltung mit seiner Mutter, die ihm nach einem Ausbruch des stark alkoholisierten Vaters von ihrer Schwärmerei für Hans Albers erzählt und ihn bittet: „Versprich mit, dass du immer für mich da bist.“

Dass die Mutter von der eigentlich großartigen Julia Jentsch gespielt wird, die zumindest in den 1970er-Jahre-Szenen kaum älter wirkt als ihr Sohn, ist der einzige Besetzungsfehler. Ansonsten werden die biografischen Blitzlichter getragen von einem wunderbaren Ensemble: Charly Hübner gibt den resignierten Vater, der in seinem Klempner-Leben immer mehr verbittert und erstarrt. Ruby O. Fee spielt die Kiezschönheit Paula mit so viel Sexappeal, dass klar ist: Der junge Udo muss sich unweigerlich verlieben. Der schmierige Produzent Mattheisen ist eine Paraderolle für das komödiantische Talent von Detlev Buck. Und eine kongeniale Leistung liefert Hauptdarsteller Jan Bülow, der eine glaubwürdige Version von Udo Lindenberg abgibt. Er ist der Märchen-Udo aus dessen eigener Erzählung, der befeuert von hartem Alkohol einfach ausgezogen ist, um sein Ding zu machen, Rock auf Deutsch wie niemand zuvor – und dem letztlich immer alles im letzten Moment in den Schoß fiel.