„Das Zen-Tagebuch“ Wer sich Erleuchtung wünscht, sollte diesen Film sehen

Ein Mann lebt in seinem Haus in den Bergen im Rhythmus der Jahreszeiten: „Das Zen-Tagebuch“ ist Entschleunigungskino, in dem sogar das Schälen von Sesam-Samen zur Sensation wird.

„Ich ergebe mich!“: Tsutomu (Kenji Sawada) mit Machiko (Takakao Matsu).

„Ich ergebe mich!“: Tsutomu (Kenji Sawada) mit Machiko (Takakao Matsu).

Foto: verleih

Die meisten wollen Unterhaltung, wenn sie ins Kino gehen, aber wer sich diesen Film ansieht, bekommt Erleuchtung. „Das Zen-Tagebuch“ ist eine Produktion wider die Sehgewohnheiten, es gibt keinen temporeichen Bilderrausch, sondern radikale Einkehr: Man sieht nicht bloß zu, man schaut hin, geht ja auch gar nicht anders, wenn über Minuten hinweg etwa das minutiöse, so zärtliche wie ausdauernde Reinigen einer Spinatwurzel gezeigt wird.

Regisseur Yuji Nakae erzählt von Tsutomu (Kenji Sawada), einem älteren Herrn, der mit seinem Hund in einem Haus voller Bücher in den Bergen lebt. Man nimmt ein Jahr lang daran Anteil, jeder weitere Monat bildet mit je neuem Motto ein eigenes Kapitel. Tsutomu ist hauptsächlich mit Aussaat, Ernte und Nahrungszubereitung beschäftigt. Mit neun ging er als Novize in ein Zen-Kloster in Kyoto, erfährt man, mit 13 sei er weggelaufen, aber die Prinzipien seiner Ausbildung muten noch im Alter als sein spirituelles Rückgrat an. Ständig spricht er weise und ewig grüne Bescheidenheits-Grundsätze aus dem Achtsamkeits-Exerzitium wie diese: „Bewegung ist Leben“, „Hunger verbessert den Geschmack des Essens“, „Die Nahrung, die wir essen, kommt von der Seele der Erde“. Und natürlich ist es sein Traum, bei Vollmond unter einem blühenden Kirschbaum zu sterben.

Der Film entspinnt seine hauchfeine Handlung so allmählich, dass man es erst nicht fassen kann und sich dann umso tiefer in den Kinosessel sinken lässt und einfach wegfloatet: Das Schälen einer Tarowurzel wird zum Ereignis, Engelwurz würde man auch gerne mal probieren, Adlerfarne kann man echt essen?, und das großformatig auf die Leinwand gezogene Schälen von Sesam-Samen plus das folgende Trocknen an der Luft hat etwas so Meditatives, dass sich jeder ein Youtube-Video davon vorm Schlafengehen ansehen sollte.

Natürlich finden Menschen in Japans hektischen Städten unheimlich interessant, wie entschleunigt Tsutomu lebt. Deshalb kommt die Autorin Machiko regelmäßig zu Gast. Es gibt Anfragen von Magazinen und dem Fernsehen, aber alle lehnt Tsutomu ab. Er bekocht Machiko lieber, und zu den Sensationen dieses ansonsten weitgehend lautlosen Films gehören ihre Reaktion auf die ersten Bissen. Ein Best of: „Was für ein Aroma!“, „Ich ergebe mich!“, „Ich bin im Himmel!“

Machiko erfährt dann auch vom Geheimnis dieses Mannes. Seit 13 Jahren steht die Asche seiner verstorbenen Frau in seinem Haus. Er mag sie nicht begraben, er mag sie nicht vollends verlieren, und so zieht sich ein melancholischer Grundbass durch diese ohnehin ans Tiefenpsychologische appellierende Fabel.

„Das Zen-Tagebuch“ wirkt wie eine Dokumentation, ein wunderbar bebilderter Versuch über existenziellen Minimalismus. Das ist ein Film, den man unbedingt im Kino erleben sollte, in der Dunkelheit, an einem Ort am Rande des Alltags. 110 Minuten spirituelle Ruhepause.

Danach möchte man Triebe vom Engelwurzbaum ernten und Pflaumenessig kochen.

Info „Das Zen-Tagebuch“, Japan 2022, Regie: Yuji Nakae, mit: Kenji Sawada, Takako Matsu, Fumi Dan, 111 Min.

Meistgelesen
Neueste Artikel
Zum Thema
Aus dem Ressort