Razzia mit dutzenden Polizisten : Bundesinnenministerium verbietet Islamisches Zentrum Hamburg
EILMELDUNG
Razzia mit dutzenden Polizisten : Bundesinnenministerium verbietet Islamisches Zentrum Hamburg

„Das Lehrerzimmer“ Die Schule als gesellschaftliche Druckkammer

Ein Schüler wird zu Unrecht des Diebstahls verdächtigt. Eine Lehrerin versucht, den Ruf des Jungen zu retten. „Das Lehrerzimmer“ von Ilker Çatak blickt hellsichtig in den Mikrokosmos Schule.

 Leonie Benesch (M.) als Lehrerin.

Leonie Benesch (M.) als Lehrerin.

Foto: dpa/Judith Kaufmann

So ganz hat die Klasse noch nicht verstanden, warum 0,9 Periode gleich 1 ist. Die Aufgabe, die Carla Novak (Leonie Benesch) den Jungen und Mädchen der siebten Jahrgangsstufe gestellt hat, war wohl doch ein wenig anspruchsvoll. „Aber das Wichtigste, was ihr verstehen müsst“, so betont die junge Lehrerin, „ist, dass ein Beweis immer eine Herleitung braucht“. Kurz drauf klopft es an der Tür und die Direktorin unterbricht mit zwei Kollegen als Verstärkung den Unterricht.

Die Mädchen sollen den Raum verlassen und die verbleibenden Jungs ihre Geldbörsen auf den Tisch legen. Bei der Razzia geht es auch um die Sicherung von möglichen Beweisen. In der Schule wird geklaut und wer zu viel Geld dabei hat, steht unter Verdacht. So wie Ali. Die vorgeladenen Eltern türkischer Herkunft können die Sache ausräumen. Der Sohn habe so viel Geld bei sich gehabt, weil er nach der Schule ein Videospiel kaufen wolle. Dennoch gilt Ali bei manchen Mitschülern weiterhin als potenzieller Dieb, auch wenn es dafür keinen Beweis mit Herleitung gibt. Denn die Gruppendynamik an einer Schule folgt nur bedingt den Gesetzen der Mathematik.

Und so macht sich Carla Novak selbst an die kriminalistische Recherche, um die Unschuld des Schülers zu belegen. Sie zählt die Scheine in ihrer Geldbörse durch, verstaut diese in ihrer Jacke und versetzt die Kamera des Laptops in den Aufnahmemodus, bevor sie das Lehrerzimmer verlässt. Auf den Bildern ist später der Arm der Diebin und das Muster der Bluse der allseits beliebten Sekretärin Frau Kuhn (Eva Löbau) zu erkennen, die wiederum jeglichen Verdacht von sich weist. Das Bildmaterial sei nicht eindeutig und kein juristisch tragfähiger Beweis. Vielmehr habe sich Carla mit den illegalen Aufnahmen strafbar gemacht.

Mit der vorläufigen Suspendierung der Sekretärin gerät eine schulische Konfliktdynamik in Gang, in deren Epizentrum sich die junge Lehrerin wiederfindet. Die Schule als gesellschaftlichen Mikrokosmos hat schon Sönke Wortmann in „Frau Müller muss weg“ und „Eingeschlossene Gesellschaft“ erkundet. Aber während sich diese beiden Filme auf die Eltern-Lehrer-Dynamik konzentrierten, nimmt Ilker Çatak in „Das Lehrerzimmer“ das ganze komplexe Beziehungsgeflecht eines Schulbetriebes unter die Lupe.

Im Zentrum steht dabei eine junge, kompetente Lehrerin, die den pädagogischen und moralischen Multitasking-Ansprüchen des Berufes vollauf gewachsen zu sein scheint und bei allem das Wohl der Schüler im Auge behält. Während der Konflikt um die mutmaßliche Diebin und deren Sohn, der in ihre Klasse geht, zunehmend eskaliert, muss Carla stets ihr ethisches Koordinatensystem neu justieren und sieht sich den Anfeindungen vom Kollegium, Klasse und der ambitionierten Schülerzeitung ausgesetzt.

Das alles inszeniert Çatak nicht nur mit einem pulsierenden Spannungsbogen, sondern vor allem auch mit messerscharfen Blick für die Widersprüche im schulischen Sozialbiotop. Dabei kommt der Film vollkommen ohne Prototypisierungen aus, zeichnet die Figuren konsequent differenziert und verweigert sich finalen Katharsis-Ansprüchen.

„Das Lehrerzimmer“ ist von der ersten bis zur letzten Filmminute ein Bekenntnis zur Ambivalenz, wie man es im deutschen Kino nur selten erleben darf. Strukturanalyse und Empathie fließen hier überraschend bruchlos ineinander und gehen weit über den Mikrokosmos Schule hinaus. Mit großer emotionaler Intelligenz zeichnet Çatak das hochaktuelle Bild einer aufgeheizten gesellschaftlichen Diskussionskultur, die in ihren eigenen Eskalationsmechanismen gefangen ist.

„Das Lehrerzimmer“, Deutschland, 2022 – Regie: Ilker Çatak; mit Leonie Benesch, Michael Klammer, Rafael Stachowiak, Eva Löbau; 94 Minuten