Musikmesse: Festival c/o pop lässt Köln vibrieren

Musikmesse : Festival c/o pop lässt Köln vibrieren

Heute Abend wird die Musikmesse samt Festival mit einem Konzert der amerikanischen Sängerin Janelle Monáe eröffnet. Die achte Ausgabe der c/o pop darf als subversiver Kommentar zum Wehklagen der Industrie betrachtet werden: Was zählt, ist Kreativität.

Köln Von der Krise der Musikindustrie zu sprechen, ist nicht richtig, denn Krise ist etwas Vorübergehendes, und die Anzahl der Plattenverkäufe verringert sich seit mindestens 15 Jahren. Die c/o pop in Köln ist ein Kind dieses ökonomisch angeblich gefährlichen Dauerzustandes, sie lebt indes recht gut mit der Situation, man könnte sagen: Mit ihr macht Niedergang sogar Spaß. Vor acht Jahren gab es die Musikmesse samt Kongress zum ersten Mal, sie war zunächst nur Ersatz für die nach Berlin in die Bedeutungslosigkeit umgezogene Popkomm, aber allmählich wuchs sie, sie wurde liebenswert und schön. Inzwischen gehört die c/o pop zur Kölner Folklore, was man daran erkennt, dass die augenzwinkernde Antwort auf die Frage, wann wieder c/o pop ist, so lautet: In der Nacht von Mittwoch auf Sonntag.

Heute um 20.30 Uhr eröffnet die 25-jährige amerikanische Funk-Lady Janelle Monáe am Tanzbrunnen die Veranstaltung. Sie hat kürzlich ihr fabelhaftes Debüt-Album veröffentlicht und gilt bereits als Nachfolgerin des großen Prince. Es tut sich durchaus etwas im Pop, und c/o-Pop-Chef Norbert Oberhaus will zeigen, wie lebhaft ist, was dauernd totgesagt wird. Der gute Riecher hat Tradition, in Köln traten Franz Ferdinand und Arcade Fire auf, als wenige sie kannten, und nun verkaufen sie viele Platten.

Insofern ist das musikalische Programm der c/o pop ein subversiver Kommentar zu den klugen, aber mitunter doch arg selbstgenügsamen Vorträgen auf dem Fachkongress. Während dort Künstler spielen, die über Youtube direkt zu ihren Fans kommen oder sich mit 200 Konzerten pro Jahr in die Herzen des Publikums spielen, fragt man sich hier seit vier Jahren, wie man den Coup der Band Radiohead wiederholen kann, die 2007 ein Album ohne Plattenfirma über das Internet vertrieb. Die Referenten kehren gern wieder, Dieter Gorny etwa – die Kassandra vom Dienst mischt jedes Jahr auf Foren unter lustvoll raunenden Titeln ("Digitalisierung: der Tod des kreativen Kapitals?") mit. Nur die Musiker nebenan in den Hallen und Clubs sind jedes Mal neu und noch origineller.

Dieses Jahr sollte man Gold Panda (heute, 23 Uhr, Gewölbe) erleben, der einfach zu jung ist, um von den Beach Boys aufgenommen zu werden, ansonsten aber wie eine digitalisierte Ausgabe der amerikanischen Harmoniker klingt. Auch Oval ist empfehlenswert, ein Berliner Produzent, der nur Gitarre und Laptop braucht, um Hörer glücklich zu machen (Sonntag, 22 Uhr, Kirche St. Michael). Der hochbegabte britische Musiker Owen Pallett spielt morgen um 20 Uhr in der Philharmonie, Electro goes Classic, und überhaupt erobert die c/o pop Räume, die mancher nur aus den Beschreibungen der Eltern kennt: WDR-Funkhaus, Museum für angewandte Kunst, Kammermusiksaal des Deutschlandfunks.

Plattenkäufer werden immer älter, das hat die sich ansonsten orientierungslos gebende Industrie dann doch rasch bemerkt und bringt im September nach den Neuausgaben der Beatles- und Rolling-Stones-Kataloge das Gesamtwerk von Pink Floyd in aufwendiger Box heraus. Über den Erfolg dieser Unternehmung wird man im kommenden Jahr sicher auf der c/o pop reden, schon diesmal dagegen wird im Stadtgarten-Park zu beobachten sein, wie man junge Hörer gewinnt. Mit der schönsten Veranstaltung, den "c/o pänz": Samstag gibt es einen Flohmarkt für Kindersachen, nebenan einen Mitmach-Markt. Newcomerin Alin Coen singt mit den Kleinsten; DJs zeigen, wie man Platten auflegt; in einem Kursus lernt man, wie Cover gestaltet werden, und Ambitionierte können sich Autogrammkarten drucken.

Wer den früheren Ausgaben der c/o pop vorgeworfen hat, allzu spezielle Geschmäcker zu bedienen, darf sich 2011 beruhigen: Wir Sind Helden treten auf (Samstag, 18 Uhr), Philipp Poisel (Freitag, 18 Uhr, beide Tanzbrunnen) und Paul Kalkbrenner (Sonntag, 12 Uhr, Pollerwiesen). Musik für die Massen. Viele Veranstaltungen sind open air, es geht um den Sommer in der Stadt, und von heute bis Sonntag wird man Menschen in Jeansjacken und Sommerkleidern mit Bierflasche in der Hand aus Bahnen steigen und zu Konzerten strömen sehen. Viele Läden im Belgischen Viertel werden am Samstag bis in die Nacht geöffnet sein, einkaufen bei Mondschein. DJs beschallen das Veedel, die City vibriert.

30 000 Besucher kamen 2010, nun werden noch 5000 mehr erwartet. Die Zahl der Fachbesucher dürfte sich bei 1300 einpendeln. Das Programm ist klarer strukturiert, es gibt weniger Konzerte, dafür mehr populäre Namen. Der Grund liegt darin, dass 2011 die Cluster-Förderung durch das Land ausläuft – ein wichtiges Element zur Stärkung der regionalen Standortpolitik. Man wird also vermehrt auf die Sponsoren angewiesen sein und auf Einnahmen durch Kartenverkäufe.

Überleben in schwierigen Zeiten. Der c/o pop könnte es gelingen.

(RP)
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