Ferdinand von Schirach erzählt zwischen "Kaffee und Zigaretten" von seinem Leben

Neuerscheinung: Selbstporträt mit Kaffee und Zigaretten

Ferdinand von Schirach erzählt in seinem sehr persönlichen neuen Buch aus seinem Leben und von unserer Zeit.

Dieses Buch hätte es beinahe nicht gegeben. Aus dem schlichten – wenn auch keineswegs banalen – Grund, dass der Autor die Jugend beinahe nicht überlebt hätte. Als sein Vater stirbt, ist er 15 Jahre alt. Und da die Eltern getrennt lebten, hatte er ihn viele Jahre nicht gesehen. Gelegentlich erreichten ihn väterliche Postkarten im Internat. Als das Leben zu viel wird und kaum noch erträglich zu sein scheint, schnappt sich der Junge nach pathetischer Kleist-Lektüre eine Schrottflinte aus dem Waffenschrank, verlässt angetrunken das Haus über die Freitreppe im Morgenlicht, setzt sich vor eine Ulme und steckt sich den Gewehrlauf in den Mund. Eigenartig kalt ist dieser auf der Zunge. Dann drückt der Junge ab. Am nächsten Morgen findet ihn der Gärtner in seinem Erbrochenen. Der Junge war so betrunken gewesen, dass er die Patronen vergessen hatte.

Der fehlgeschlagene Selbstmord wird zur Wiedergeburt – die des Schriftstellers Ferdinand von Schirach, der mit Millionenauflagen zu den erfolgreichsten Autoren hierzulande zählt und mit „Terror“ eins der erfolgreichsten und meist gespielten Theaterstücke der vergangenen Jahre geschrieben hat. Die Aufmerksamkeit für von Schirach ist dabei immer auch seinem Leben geschuldet: Ein praktizierender Strafverteidiger als Schriftsteller! Zudem ein Autor, dessen Schreibmotive wie Strafe, Schuld und Moral auch mit der eigenen Familiengeschichte genährt werden. Er ist Enkel des Nazis Baldur von Schirach, der für die Deportation von 130.000 Juden verantwortlich gewesen ist.

So ist jetzt seine Autobiographie schon ein Ereignis, die eigentlich aber gar keine richtige Autobiographie ist, sondern etwas, das durchs Lattenrost unserer gewohnten Begriffe purzelt. In 48 Episoden – manche nur eine halbe Seite lang – setzt uns Ferdinand von Schirach Lebenspartikel vor. Bemerkenswert sind fast alle. Doch eine Lebenssumme wollen sie am Ende doch nicht ergeben. Natürlich ist das Teil seines Erzählprogramms: Wir lebten nur einen Wimpernschlag, heißt es irgendwann, und in dieser kurzen Zeitspanne „können wir noch nicht einmal das scheinbar Einfachste: die Wirklichkeit erkennen“.

Darum also all die Häppchen, Lebenspartikel, Begegnungen, Beobachtetes und Erlebtes, Ein- und Aufgefallenes. Das hört sich chaotischer an, als es tatsächlich ist. Ferdinand von Schirach schafft es, sehr dezent sehr Privates zu erzählen. Selbst sein Selbstmordversuch macht erstaunlicherweise niemanden zum Voyeur. So lakonisch wird davon erzählt. Auf souveräne Art schicksalstolerant und gelassen, wie schon der Titel „Kaffee und Zigaretten“ ankündigt.

Der Großvater darf in dem Buch natürlich nicht fehlen. Doch er ist nicht der Glutkern, an dem sich alles Denken, Erzählen und Urteilen entzündet. Wenige Seiten nur widmet er dem Nazi-Verwandten. Doch nicht allein in der erinnerungsblassen Rückschau. Der braune Großvater hat auch Spuren beim Enkel hinterlassen. Die Deportation der Juden, so ließ Baldur von Schirach als Reichsgauleiter in Wien damals verlauten, sei „ein aktiver Beitrag zur europäischen Kultur“ gewesen. 1942 war das. Und der Enkel schreibt 2019: „Vielleicht bin auch ich aus Wut und Scham über seine Sätze und seine Taten der geworden, der ich bin.“

Ein feines Gewebe ist es dann doch, das Ferdinand von Schirach unmerklich gestrickt hat. Denn nur wenige Seiten nach diesem Bekenntnis und diesem Erschrecken wird der AfD-Vorsitzende Alexander Gauland mit seinem desaströsen „Fliegenschiss“-Vergleich zitiert. Nur provozierende Worte, die von johlender Zuhörerschaft begrüßt werden? „Es ist die Sprache, die unser Bewusstsein verändert“, schreibt Ferdinand von Schirach.

Großes wechselt sich ab mit Kleinem in diesem Buch, Monströses mit Banalem. Und alles gehört zusammen in diesem Selbstporträt, das es dann, wie durch ein Kaleidoskop betrachtet, doch geworden ist. Und über allem steht der große und zitierte Satz von William Faulkner: „Die Vergangenheit ist nicht tot, sie ist nicht einmal vergangen.“

Diese Vergangenheit mischt sich auf eine unheimliche Weise mit der Gegenwart. Etwas Bedrohliches wohnt manchen Episoden inne; es rumort unheilvoll zwischen den Zeilen. In den schlechteren Kapiteln entsteht so eine Art Roald-Dahl-Grusel mit Pointe am Ende. Die anderen schlagen einen feineren unheilvollen, gelegentlich melancholischen Grundton an.

Dazwischen wird immer wieder und viel geraucht, wie es der Titel so leger ankündigt. Doch auch dieses Rauchen ist Teil der Rückschau und ein Moment des gegenwärtigen Innehaltens. Wer raucht, agiert nicht. Wer raucht, beobachtet. Zigarette und Kaffee werden so zu dramaturgischen Stilmitteln. Das Rauchen wird dementsprechend zelebriert und als großes Ritual eingeführt – mit silbernem Etui und einem Feuerzeug aus Schildpatt. Solche Accessoires seien wichtig, heißt es, als „ein Schutz gegen die Hässlichkeit und Brutalität der Welt“.

Das Buch ist keine Dokumentation. Nicht einmal eine Art Lebensbeichte. Wer aber ein Gefühl dafür bekommen möchte, was die Zeit mit einem Menschen macht und wie sich der Mensch die Zeit erzählend aneignet, der sollte unbedingt jenen Lebensweg nachlesen, der wegen fehlender Patronen nicht an einer Ulme so früh endete.

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