Fatik Akin über seinen Berlinale-Film "Der goldene Handschuh"

Verfilmung des Romas von Heinz Strunk : Fatih Akins neuer Film ist der Horror

Eine Begegnung mit dem Regisseur, der ein kaum zu ertragendes Werk bei der Berlinale präsentiert: „Der goldene Handschuh“ erzählt die Geschichte eines Serienmörders. Als Nächstes plant Akin einen Film über Marlene Dietrich.

Am linken Mittelfinger trägt er einen silbernen Totenkopf-Ring. Seine Stimme ist heiser. Er kreuzt die Arme vor der Brust, als wolle er sich schützen. Jetzt erstmal Kaffee. Ist aber auch noch relativ früh an diesem Morgen im Regent-Hotel am Gendarmenmarkt. Man würde gerne über etwas Schönes mit dem 45-Jährigen sprechen. Aber das geht nicht. Denn Fatih Akin hat einen Film in den Wettbewerb der Berlinale geschickt, der widerlich ist, brutal, voller Körperflüssigkeit und verwestem Fleisch. Einen stinkenden Film. Deshalb gleich mal diese Frage: Die kaum auszuhaltende Szene, in der eine Frau in Echtzeit vollfrontal erdrosselt wird, musste die wirklich sein? „Ich wollte zeigen, was es bedeutet zu sterben“, sagt Akin. „Diese Frau ist eine Prostituierte und Alkoholikerin, und sie hat den Willen zu leben. Sie hat das KZ überlebt, die stirbt nicht so einfach. Das wollte ich visuell umsetzen. Mit Drastik. Es soll den Zuschauer erschüttern.“

Fatih Akin: in Hamburg-Altona aufgewachsener Deutschtürke. Einziger deutscher Berlinale-Sieger in den vergangenen 33 Jahren. Sein Meisterwerk „Gegen die Wand“ war eine Sensation. Ein Film mit Flow, ein Gossen-Poem, ein Faustschlag. Unbändig und brutal. Aber eben auch: romantisch und leidenschaftlich. Akin gilt als Hochbegabter, einer, dem man zutraut, das Neue in die Welt zu bringen. Er drehte „Im Juli“, „Solino“, „The Cut“, „Tschick“ und zuletzt mit Diane Kruger „Aus dem Nichts“. Die Produktion brachte ihm den Golden Globe ein.

Jetzt also der neue Film: „Der goldene Handschuh“. Er basiert auf dem gleichnamigen Roman von Heinz Strunk und erzählt die wahre Geschichte des Mörders Fritz Honka, der Anfang der 1970er Jahre in Hamburg vier Frauen umbrachte. Er lernte sie im „Goldenen Handschuh“ auf dem Kiez kennen, einer Absturzkneipe, ein „Laufsteg der Entstellten“, wie Strunk schreibt. Der Umgangston ist derb. Wer mit dem Kopf auf dem Tresen liegt, wird alle paar Stunden mit Eiswürfeln beworfen, um zu prüfen, ob er noch lebt. Honka brachte seine Opfer in seine verwahrloste Mansarde, manchmal hatte er Sex mit den Frauen. Als er mordete, hatte er bisweilen vier Promille. Die Leichen zersägte er und bewahrte sie in seiner Wohnung auf. Den Verwesungsgeruch versuchte er mit Duftbäumchen und Klosteinen zu bekämpfen. St. Pauli noir.

Szene aus Fatih Akins „Der goldene Handschuh“ – Jonas Dassler spielt den Mörder Fritz Honka. Foto: dpa/Gordon Timpen

Warum hat Akin ausgerechnet dieses Buch verfilmt? „Ich bin ein großer Fan von Charles Bukowski“, antwortet er. „Mein ganzes Leben lang wollte ich eigentlich immer Bukowski verfilmen, weil er mich sehr geprägt hat. Sein Rhythmus und der Kram. Und als ich den Roman von Strunk gelesen habe, war das ein Bukowski-Echo. Und es war mehr als das: die Geschichte eines Serienmörders in meiner Nachbarschaft. Die persönlichen Verbindungen waren so eng. Echt, es gab keinen Weg daran vorbei.“

Fatih Akin hat ein Elendsdrama gedreht, das als Horrorfilm daherkommt. Es geht darum, was Menschen einander antun. Die Personen, die auftreten, haben den Krieg erlebt, manche sind körperlich, alle geistig versehrt. Fritz Honka, der von Jonas Dassler gespielt wird, wuchs im Kinderheim auf, während sein Vater im KZ war. Eines seiner Opfer war Prostituierte in einem KZ. Alle Opfer waren einsam, keine Frau wurde je als vermisst gemeldet. „Die Aufgabe war, die Würde zu bewahren“, sagt Akin, „die Würde der Opfer, aber auch Honkas Würde.“

Der Mörder Honka flog nur durch einen Zufall auf. Das Haus, in dem er seine Wohnung hatte, brannte, als er nicht da war. Die Nachbarn hatten den Herd angelassen. Ein Feuerwehrmann fand Leichenteile in Honkas Wohnung. Honka wurde zu 15 Jahren verurteilt, lebte nach seiner Entlassung aus dem Gefängnis unter falschem Namen bis 1998 in einem Altenheim. Am Set sei auch eine Psychologin gewesen, erzählt Akin. Die Produzentin habe das vorgeschlagen, damit die Schauspieler bei all den drastischen Szenen das Gefühl haben, dass jemand für sie da sei.

Fatih Akin sitzt inzwischen mit durchgedrücktem Rücken da. Seine Hände zeichnen parallel zum Gesagten Bilder in die Luft. Wenn er etwas besonders wichtig findet, lässt er eine Hand in der Luft stehen und reißt die Augen auf. Ein breites weißes Pflaster klebt am Ringfinger seiner rechten Hand. Das hat etwas von Michael Jackson. Was insofern stimmig ist, als Akins Oberkörper zu grooven scheint. Den Rhythmus gibt seine Stimme vor: Er spricht ein warmes Deutsch, das er manchmal mit Kumpelrunden-Sprech anreichert. Und wenn er kurz nachdenkt, sagt er nicht „äh“, sondern „ah“. Er sagt oft „ah“, das lässt seine Suada bisweilen wie einen Rap wirken.

„Der goldene Handschuh“ ist auch ein Porträt der deutschen Nachkriegszeit. Akin hat sich von Fassbinder inspirieren lassen: „Seine Filme sind der beste Schlüssel zu dieser Zeit, vor allem ,Händler der vier Jahreszeiten‘“. Der Honka in Akins Film trinkt Fanta mit Korn, dann Korn mit Fanta, schließlich nur noch Korn, und während er mordet, laufen Schlager: „Es geht eine Träne auf Reisen“ von Adamo. „Ekel darzustellen, ist eine genauso große Herausforderung wie Eleganz darzustellen“, sagt Akin.

„Der goldene Handschuh“ sei der schnellste Film, den er je gemacht habe. „Als das mit der Oscar-Nominierung für ,Aus dem Nichts‘ im Januar 2018 nicht geklappt hat, habe ich die Produzentin angerufen und gesagt: Zieh den Dreh von Herbst auf Sommer vor.“ Warum das Tempo? „Ich habe den Film von Julian Schnabel über van Gogh gesehen. Und Willem Dafoe sagt da als van Gogh, man muss ein Bild schnell malen, in einem Strich. Ich hab gedacht: Ja, man muss das Zeug schnell machen! Und so würde ich gerne weiterarbeiten.“

Vielleicht als Gegengift zum Serienmörder-Thema plant er als Nächstes einen Film über Marlene Dietrich. Hauptrolle: Diane Kruger. „Das war Dianes Idee“, sagt Akin. „Ich hab zuerst gedacht, was hab ich denn damit zu tun? Und dann lag Diane mir in den Ohren und meinte: ,Doch, das wird toll, du kannst das.’ Und jetzt schreiben wir das.“

Akin spricht nun über die Schönheit, über Marlenes Kleider und Kostüme, und wie man sie richtig ausleuchtet: „Armani und so“. Und man hört zu und denkt: Danke, Diane Kruger!

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