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Farb-Magier Bonnard in Wuppertal

Farb-Magier Bonnard in Wuppertal

Die Deutschen schätzen am französischen Maler Pierre Bonnard (1867–1947) die leuchtenden Farben seiner Gemälde. Doch wer genau hinschaut, entdeckt auch Spuren der seelischen Last, die der Künstler mit sich trug. Eine großartige Ausstellung im Von-der-Heydt-Museum erzählt davon.

Bekannt wurde Pierre Bonnard (1867–1947) als Plakatmaler. Seine beschwingte Werbung für "France Champagne" in Gestalt einer leicht bekleideten Dame mit Sektglas belebte Henri Toulouse-Lautrec so sehr, dass er sich demselben Genre verschrieb und bald zu einem ernsthaften Konkurrenten Bonnards wurde, erst als Plakatmaler, dann auch als Künstler.

Toulouse-Lautrec machte sich einen Namen als Chronist des lockeren Lebens rund um den Montmartre, Bonnard gilt hierzulande als Maler von Bildern, die dem Betrachter ein Wohlgefühl vermitteln: spätimpressionistische Interieurs, Landschaften und Akte, die einen eigenen Farbzauber verbreiten. Eine umfangreiche, mit mehr als 180 Gemälden, Zeichnungen und graphischen Blättern ausstaffierte Schau im Wuppertaler Von-der-Heydt-Museum rückt das deutsche Bild von Bonnards wohliger Welt zurecht.

Denn wer genau hinschaut, entdeckt auf zahlreichen seiner Gemälde einen kaum merklichen Schleier der Wehmut. Bonnard, dieser scheinbare Verherrlicher ungetrübter Lebensfreude, hatte einige Päckchen zu tragen: die Ehe mit Marthe, die ihn, den Geselligen, von allen Menschen abzuschirmen suchte und zu Hause keine Gäste duldete. Die Hautkrankheit seiner Frau und den unerfüllten Kinderwunsch. Die Tiefe gerade dieses Schmerzes erahnt, wer sich der Wärme von Bonnards wundervollen Kinderporträts ergibt.

Die Ausstellung führt vom ersten gemalten Selbstporträt des Künstlers aus dem Jahr 1889 zum flirrenden, farbintensiven Spätwerk wie etwa der "Sonnigen Terrasse" von 1945. Anders als in jenem Spätwerk zeichnet sich der frühere Bonnard durch eine verhaltene, stark atmosphärische Farbgebung aus. "Das Mittagessen der Kinder" (um 1906) zeigt in unscharfen Konturen zwei Kinder und eine Katze im Schein einer Lampe bei Tisch. Im Unterschied zu den Impressionisten setzt Bonnard auf die Wirkung von Farbflächen, in diesem Fall der weißen Tischdecke, grenzt Farben scharf gegeneinander ab und begründet solchermaßen eine spät- oder postimpressionistische Malerei.

Auf behütete Familienszenen versteht er sich ebenso wie auf die Intimität von Aktdarstellungen, und man sagt, er habe vor seiner Eheschließung außer seiner Frau auch eine Reihe Geliebter auf die Leinwand gebannt. Dann wurde seine hautkranke, auf häufiges Baden angewiesene Ehefrau zu seinem einzigen Modell. Insgesamt wirken die Akte seltsam kühl und unerotisch, ähnlich wie die nackten Tänzerinnen, die Edgar Degas vor und nach ihrer Arbeit mit dem Zeichenstift beobachtete.

Die künstlerische Kraft, die aus dem Aufeinanderstoßen von Farbflächen fließt, lässt sich besonders gut in der bezaubernden Lithografie "Die kleine Wäscherin" erleben, einer von hinten als Schattenriss dargestellten Frau, die mit Korb und Schirm über eine Straße spaziert. Arbeiten auf Papier, zeitgenössische Fotografien und Gemälde lösen in der Ausstellung einander ab und lassen Bonnard plastisch aus seinem zeitgenössischen Umfeld hervortreten.

Dieses Umfeld ist zunächst Paris, später sein Häuschen in der Nähe von Vernon und am Ende sein Wohnsitz bei Cannes. Kaum ein anderes Gemälde von Bonnard trifft den Charakter Pariser Lebens zu Beginn des 20. Jahrhunderts so wie das 1,40 mal zwei Meter messende Bild "Place de Clichy" von 1912, eine raffinierte Komposition, die einen Blick aus einem Café auf das Treiben der Straße bietet. Vor der Glasscheibe steht in kräftigem Schwarz ein Ober, dahinter wimmelt es von durch die Scheibe leicht verwischten, abgetönten Menschen, und über allem weist eine Spiegelschrift auf der Markise zusätzlich darauf hin, dass der Maler seinen Standort im Inneren des Hauses hat.

Das ist der städtische Bonnard. Auch der ländliche spielt gern mit Durchblicken, vor allem im Zusammenhang mit seinem Haus in Vernon bei Paris.

Im Spätwerk, etwa ab 1930, hellt sich die Palette spürbar auf. Bonnards Werk wird dekorativer, etwa in den Gemälden "Das Mittagessen" und "Vase mit Blumen". Zugleich aber verflüchtigt sich der Zauber der Wehmut von einst.

"Der singt, ist nicht immer glücklich", hat Bonnard einmal in sein Tagebuch notiert. Seine Verehrer zumal in Deutschland aber verstanden seine Bilder immer als Spiegel irdischer Seligkeit. Sammler zahlen dafür heute bis zu fünf Millionen Euro pro Gemälde – eine Summe allerdings, bei der die Preise für Werke von Bonnards Freund Monet erst beginnen. Vernon und Giverny liegen nur wenige Kilometer auseinander, und so besuchten sich die Freunde regelmäßig – standesgemäß mit dem Auto. Schließlich wusste man ihre Arbeit schon zu Lebzeiten zu schätzen.

Als Bonnards Ehefrau starb, verschloss der Maler die Tür zu ihrem Zimmer und öffnete sie nie wieder. Noch heute, so heißt es, ist dieser Raum für jedermann tabu.