München/Düsseldorf: Familien fordern Kunstwerke zurück

München/Düsseldorf: Familien fordern Kunstwerke zurück

Im Falle des Münchner Kunstfunds gibt es jetzt Kritik an der Geheimniskrämerei der Staatsanwaltschaft.

Der kürzlich entdeckte Kunstschatz von München rückt immer stärker in den Fokus der internationalen Öffentlichkeit. Kritik entzündet sich vor allem daran, dass die Bilder nicht gezeigt werden. Das Zentralregister für Raub- und Beutekunst der Jahre 1933—1945 forderte die Bundesregierung auf, "so schnell wie möglich" eine Liste der Werke zu veröffentlichen, welche zur Sammlung Gurlitt gehören. Gerade im Ausland hoffen viele Familien nun auf die Rückgabe von Kunstwerken, die ihre Vorfahren im "Dritten Reich" unter Wert verkaufen mussten. Von der "New York Times" bis zum "Guardian" blicken alle Zeitungen nach Deutschland. Im Folgenden geben wir Antworten auf Fragen, die sich in diesem verwirrenden Kunstkrimi aufdrängen.

Warum wurde die Öffentlichkeit so spät informiert? Als Grund nennt Reinhard Nemetz, Leitender Oberstaatsanwalt in Augsburg, die Tatsache, dass eine Information "kontraproduktiv" gewesen wäre: Seit Bekanntwerden der "wahnsinnigen Dimension" hätten bereits die Sicherheitsvorkehrungen erhöht werden müssen. Die Bilder befinden sich zurzeit an einem ungenannten Ort.

Was wussten Handel und Wissenschaft? Die Berliner Kunsthistorikerin Meike Hoffmann untersucht den Bilderschatz bereits seit Monaten. Alfred Weidinger, Vizedirektor des Wiener Belvedere, äußerte gestern: "Dass diese Sammlung existiert, war kein Geheimnis. Im Grunde genommen hat jeder wichtige Kunsthändler im süddeutschen Raum gewusst, dass es das gibt — auch in der Dimension." Die Aufregung darüber sei "aufgeblasen". Versäumnisse sieht Weidinger bei den Restitutionsforschern: "Jetzt von einer großen Entdeckung zu sprechen, ist geradezu lächerlich." Genauere Nachforschungen hätten die zuständigen Experten schon viel früher zu der Sammlung führen müssen.

Wie trug Hildebrand Gurlitt seine Kollektion zusammen? Der promovierte Kunsthistoriker orientierte sich als Museumsleiter und Kunstvereinsdirektor am Markt. Durch den ihm vom Propagandaministerium der Nationalsozialisten zugewiesenen Auftrag, das Führermuseum in Linz zu bestücken, erhielt er großen Spielraum. Er konnte Juden, die Geld für ihre Emigrationserlaubnis benötigten, Bilder zu einem Schleuderpreis abkaufen, und er konnte in Museen solche Kunst beschlagnahmen, die nach Meinung der Nazis "entartet" war. Ob Gurlitt bei dieser Aufgabe Kunst illegal beiseitegeschafft hat oder ob er als Privatmann Kunst sammelte, ist ungeklärt. Falls die bei seinem Sohn aufgefundenen 1406 Werke tatsächlich von ihm stammen, muss man sich fragen, wie er sie über die Kriegswirren retten konnte. Bei seinen Vernehmungen hatte er angegeben, alle seine Werke seien verbrannt. Die Alliierten hatten 100 Stücke von Gurlitt beschlagnahmt. Als Quelle werden in der "Süddeutschen Zeitung" Dokumente des Washingtoner Nationalarchivs angegeben: Protokolle über die Befragung Hildebrand Gurlitts. In einer angehängten Liste sind 100 Werke der Privatsammlung aufgeführt, die fünf Jahre in einer Wiesbadener US-Sammelstelle eingelagert waren.

Wem gehört die Sammlung heute? Unklar ist, ob Hildebrand Gurlitts Sohn Cornelius, in dessen Münchner Quartier der Bilderschatz jetzt entdeckt wurde, belangt werden kann. Denn Unterschlagung verjährt nach fünf Jahren. Womöglich ist er in zahlreichen Fällen der rechtmäßige Eigentümer. Kunstwerke, welche die Nationalsozialisten aus Museen raubten, brauchen nicht erstattet zu werden. Denn die Nazis hatten die Enteignung der Museen am 31. Mai 1938 wohlweislich durch ein "Gesetz über die Einziehung von Erzeugnissen entarteter Kunst" nachträglich legitimiert. Zwar trat das Gesetz 1968 außer Kraft, doch bis heute folgen die Gerichte meist der Rechtsauffassung, dass das Deutsche Reich die Kunstwerke verkaufen durfte. So werden sich auch die Kunstmuseums-Chefs in Essen, Wuppertal und Hagen keine Hoffnung auf Rückgabe machen können. Wer über Arbeiten aus einstigem Privatbesitz verfügt, muss sich auf Restitutionsforderungen gefasst machen. Nach der "Washingtoner Erklärung" von 1989 soll in solchen Fällen eine "gerechte und faire Lösung" mit den Erben erzielt werden. Private Kunstbesitzer, Museen und Stiftungen sind jedoch nicht an die Washingtoner Erklärung gebunden.

Wo befindet sich Cornelius Gurlitt? Gurlitt war bei der Durchsuchung seiner Münchner Wohnung zugegen. Seitdem ist über seinen Verbleib nichts bekannt. Bis vor zwei Jahren soll er mit einem alten Käfer regelmäßig in sein Salzburger Haus gekommen sein. Das Haus gehöre ihm seit 50 Jahren, heißt es; durchsucht worden ist es nicht. In alten Unterlagen taucht auch eine Schwester von Cornelius auf. Von ihr fehlt ebenfalls jede Spur.

Was bedeutet der Fund für die Kunstgeschichte? Beobachter sind in Fällen wie der Entdeckung der Sammlung Gurlitt schnell zur Stelle mit Behauptungen wie "Die Kunstgeschichte muss umgeschrieben werden". Noch sind öffentlich nur elf von 1406 Kunstwerken vorgestellt worden. Es ist jedoch unwahrscheinlich, dass die übrigen Werke Schaffensphasen einzelner Künstler offenbaren, von denen man bislang nicht wusste.

Ist mit der Entdeckung weiterer Kollektionen zu rechnen, die sich als Raubkunst-Sammlungen erweisen könnten? Nach Auskunft des israelischen Rechtsanwalts Joel Levy gab es zu Hildebrand Gurlitts Zeit unter den deutschen Kunsthändlern etwa 40, die ähnlich vorgingen. Wenn jeder über etwa 2000 Werke verfügte, "dann kommen wir auf eine riesige Anzahl von Bildern, die immer noch auf der ganzen Welt versteckt sind", sagte Levy der israelischen Zeitung "Haaretz".

(RP)
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