Extremes Zeitalter der Philosophie

Extremes Zeitalter der Philosophie

Heidegger und Wittgenstein reizten die Grenzen der Philosophie aus.

In seinem Buch über Wittgenstein und Heidegger verbindet Manfred Geier die Philosophie beider mit der Zeit, in der sie lebten. Zwei zentrale philosophische Themen, Ethik wie Verständnis von Technik, bleiben so perspektivisch relevant. Symbolisch ist ihr gemeinsames Geburtsjahr 1889. Damals wurde auch Hitler geboren. Heidegger entstammte einer ländlich-kleinbürgerlichen Familie im badischen Meßkirch, Wittgenstein einer reichen Industriellenfamilie in Wien. Wittgenstein war depressiv vorbelastet. Heidegger lebte einen "ungezügelten Eros" - sein Verhältnis mit Hannah Arendt erreichte philosophiegeschichtliche Bedeutung, Wittgenstein war homosexuell.

Der Untertitel des Buches, "Die letzten Philosophen", ordnet sie philosophiegeschichtlich ein. Beide suchten die Tradition abendländischer Metaphysik zu überwinden, grundgelegt in ihren frühen Hauptwerken "Sein und Zeit" sowie "Tractatus logico-philosophicus". Heidegger fragte nach dem Dasein des Menschen als vor jeder Metaphysik existierend, Wittgenstein reduzierte Philosophie auf die Logik der Sprache, die er von irreführendem Gebrauch zu reinigen suchte. Beide Ansätze führten sie zur Ethik, die sich nicht auf Metaphysik zurückführen ließ.

Der grundsätzliche Unterschied zwischen beiden liegt für Geier in Wittgensteins "Ethik ohne Philosophie" gegenüber Heideggers "Philosophie ohne Ethik". Wittgensteins "Leben und Denken war ein ununterbrochener moralischer Kampf", Heidegger "vollzog die Austreibung der Ethik aus der Philosophie" und wurde Nazi. Für beide hatte der Nationalsozialismus persönliche Folgen. Wittgenstein, mit jüdischen Wurzeln, wurde Brite, Heidegger erhielt 1946 bis 1951 Lehrverbot.

Heideggers Hinwendung zum Nationalsozialismus ist erkennbar Ausfluss seiner Philosophie. Das Dasein der Menschen ist geschichtlich, und ihre Völker haben ein weltgeschichtliches Schicksal. Das bestand nun im "Versagen der geistigen Kraft des Abendlandes", durch Orientierung "am rationalen Scharfsinn des Verstandes, an technisch verwertbaren Kenntnissen, an rechtlichen Regeln und sittlichen Werten". Das deutsche Volk müsse sich dagegen auf das "Wesen des Seins einstimmen und ihm entschlossen entsprechen".

Wittgenstein praktizierte Technik, etwa beim Entwerfen eines architektonisch anspruchsvollen Hauses für seine Schwester in Wien. Seine personale Ethik orientierte sich an Kants kategorischer Moral. Dazu gehört auch dessen Definition der Aufklärung als "Auszug des Menschen aus seiner selbstverschuldeten Unmündigkeit". Der Verfasser sieht das "als selbstverschuldete Abhängigkeit von Technik" an. Technik sei anzuwenden, wenn es ethisch oder sozial vertretbar sei. Mit diesem Verständnis wird Geigers These der "letzten Philosophen" fragwürdig, wenn er sie damit begründet, dass gegenwärtig nicht mehr "die individuierte leidenschaftliche Begeisterung für ein Philosophieren nötig zu sein" scheint, sondern eine "international vernetzte Kooperation von Fachleuten, die dazu ausgebildet sind, die Probleme zu behandeln, die es aktuell in praktisch-ethischer Hinsicht zu lösen gilt". Geigers Gegenüberstellung von Heidegger und Wittgenstein zeigt hingegen, dass Internationalität "völkische Verirrungen" vermeiden kann und Ethik deren gewalttätigen Missbrauch.

(RP)
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