1. Kultur

Experten der Berliner Charité planen volle Konzertsäle bei Klassik

Charité stößt Debatte an : Mozart nur mit Maske

Experten der Berliner Charité überlegen, wie sich Konzertsäle bei Klassik künftig füllen lassen. Kulturstaatsministerin Monika Grütters begrüßt den Vorstoß der Mediziner.

Das Musikleben könnte wieder blühen, alles wäre fast wie früher, die Leute müssten halt nur sehr diszipliniert sein und ihre Masken im Konzert auflassen – so könnten unsere Philharmonien wieder Vollbesetzung melden

Diese Zukunftsvision kommt aus seriöser Quelle, und zwar aus der Berliner Charité. Stefan Willich, Direktor des Instituts für Sozialmedizin, Epidemiologie und Gesundheitsökonomie, sagt, das Publikum müsse auch in den Sälen ständig einen medizinischen Mund-Nasen-Schutz tragen und sich bei Einlass und Verlassen des Gebäudes ebenfalls damit schützen. Er glaubt, dass das tatsächlich gelingen könnte: „Das Publikum von Klassikveranstaltungen zeichnet sich durch ein aufgeklärtes Verständnis der gesundheitlichen Zusammenhänge, eine disziplinierte Verhaltensweise sowie die sorgfältige Einhaltung von Vorgaben aus.“

Der Vorstand der Charité erklärte dagegen, der Vorschlag sei nicht abgestimmt und gebe nicht die Position des Hauses wieder. Der Entwurf berücksichtige nicht die aktuelle Dynamik des Infektionsgeschehens und der damit verbundenen Risiken. Das Papier sei daher nicht als Handlungsvorschlag, sondern als Grundlage einer weiteren kritischen Diskussion zu betrachten. Kulturstaatsministerin Monika Grütters dagegen findet Willichs Empfehlung ermutigend, wie sie in der ARD sagte.

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Willichs These ist: Die Risiken für eine Sars-CoV-2-Infektion seien durch Kontakte mit kontaminierten Flächen (Schmierinfektion) nach neuesten Erkenntnissen als gering einzustufen. Die größere Gefahr gehe von Tröpfchen und Aerosolen aus, die beim Sprechen, Singen, Husten und Niesen ausgestoßen werden. Eine Infektionsgefahr bestehe vor allem in geschlossenen Räumen mit wenig Luftzirkulation.

Wenn nun in Foyers, an den Kassen, Garderoben und im Sanitärbereich die Abstandsregeln eingehalten würden, sei das Konzerterlebnis früherer Art wieder denkbar. Durch Wegeführung sollte die Laufrichtung des Publikums gesteuert werden. In den Klassik-Veranstaltungen würden während der Veranstaltungen ohnehin keine Gespräche geführt.

Das ist schöne Theorie eines Mannes, der nicht nur Arzt, sondern auch Musiker ist. Willich arbeitet als Dirigent, hat sogar bei Sergiu Celibidache studiert und war Rektor der Hanns-Eisler-Musikhochschule in Berlin. Möglicherweise sind die Besucher von Fußballspielen, von Rockkonzerten und Beethoven-Abenden tatsächlich unterschiedlich im Grad ihrer stillen Hingabe. Trotzdem verbindet sie alle ein Problem der Infrastruktur: Draußen vor dem Saal oder dem Stadion kommt es immer zu einem Nadelöhr, an dem sich die strömenden Massen knubbeln. Bei den Salzburger Festspielen hat man das hautnah erlebt: Drinnen herrschte Disziplin, draußen gab es Gedränge – und Masken waren die Ausnahme.

Die Sicherheit von Masken wird derzeit von Experten ohnedies differenziert eingeschätzt: Einfache Alltagsmasken mit eher mäßiger Stofftextur lassen doch mehr Tröpfchen und Aerosole durch, als man noch vor Wochen geglaubt hatte – vor allem wenn sie nicht eng anliegen. Es dürfte also ein logistischer Kraftakt sein, alle Klassikfans auf hochwertige Masken einzuschwören. Und auch bei konsequenter Nutzung ist nicht garantiert, dass sich in einem vollen Saal, in dem nicht gelüftet werden kann, über die Dauer einer Beethoven- oder Mozart-Sinfonie nicht doch virenhaltige Partikel in der Luft sammeln.

Hilfe tut freilich not. Tatsache ist, dass alle Konzertveranstalter aktuell große Einbußen kalkulieren. So rechnen beispielsweise die Berliner Philharmoniker in diesem Jahr mit einem hohen Defizit, hoffen aber auf Hilfe der Politik und neue Erkenntnisse über kleinere Abstände bei Musikern und Publikum. In diesem Jahr werde sich das Minus der Philharmoniker auf zehn Millionen Euro belaufen, sagte Intendantin Andrea Zietzschmann.