Düsseldorf: Ernst Jünger in der Landschaft des Todes

Düsseldorf : Ernst Jünger in der Landschaft des Todes

Das Kriegsbuch "In Stahlgewittern" liegt in einer Neuausgabe vor. Sie dokumentiert die Modernität des Autors.

Am Anfang ist dieses Buch ein Dokument jugendlicher Auflehnung gegen die Eltern. Ernst Jünger war ein schlechter Schüler, und er genoss es, wenn sein autoritärer Vater Ernst Georg, der als Chemiker zu einigem Wohlstand gekommen war, angesichts der Schulnoten des ältesten Sohns verzweifelte. Ernst Jünger galt damals als Heißsporn, und selbst im Internat, wohin Papa ihn zur Strafe geschickt hatte, konnten sie ihn nicht kontrollieren. Der 18-Jährige riss aus, verpflichtete sich in der Fremdenlegion und ließ sich in Algerien zum Kämpfer drillen. Sechs Wochen blieb er in Afrika, dann holte der Vater ihn heim ins Bürgertum. Warum bloß, Ernst? Er wolle in den Krieg ziehen, weil der die innere Aussicht auf Zerstörung biete, antwortete Jünger. Sowas hört kein Vater gern.

Also dachte sich Papa einen Vertrag aus: Ernst solle Abitur machen, dann dürfe er — "meinetwegen!" — eine Expedition auf den Kilimandscharo unternehmen. Der Sohn nickte, er fuhr in diesem Jahr nicht mit der Familie in die Sommerfrische nach Juist, wollte lieber im heimischen Rehburg fürs Abitur lernen. Aber statt zu pauken, sonnte er sich auf dem Dach des Wirtschaftsgebäudes der väterlichen Villa, als die Mobilmachung ausgerufen wurde. Sofort meldete er sich: 1914 — Flucht aus dem Frieden.

"In Stahlgewittern" heißt das Buch, das der junge Mann 1920 über seine Erlebnisse als Stoßtruppführer des Hannoverschen Füsilier-Regiments Nr. 73 im Ersten Weltkrieg veröffentlichte. Es wurde eines der bekanntesten Kriegsbücher der Welt — und eines der umstrittensten. Noch heute irritieren die Kälte, mit der Jünger das Töten beschreibt, die Distanziertheit, mit der er über Leichen steigt, scheinbar unbeeindruckt vom Gestank verbrannten Fleisches und dem Geschrei der Zerfetzten. Zehn Millionen Menschen starben, dennoch spürt man an manchen Stellen eine geheime Lust am Grauen, die Eitelkeit des Tapferen. Noch merkwürdiger finden viele, dass Jünger sieben Fassungen der "Stahlgewitter" veröffentlichte, die stark voneinander abweichen. 1924 verschärfte er den nationalistischen Ton, 1934 entfernte er entsprechende Stellen wieder, 1961 ergänzte er das Wort "Trauer": "Der Staat, der uns die Verantwortung abnimmt, kann uns nicht von der Trauer befreien; wir müssen die Trauer austragen. Sie reicht tief in die Träume hinein." Später brach er das "Pathos der Entfernung", wie er seinen Stil nannte, durch Metaphern wie "Tanzplatz des Todes", die das Erlebnis des Kampfes mit Brokat ausstaffierten. Man warf Jünger vor, er diene sich dem Zeitgeist an, Siegfried Lenz schimpfte: "Jünger spürt, wie weit er sich von sich selbst entfernt hat."

Nun erscheinen die "Stahlgewitter" noch einmal — in der endgültigen Ausgabe. Der Germanist Helmuth Kiesel hat auf 1200 Seiten alle Varianten zusammengetragen und sichtbar gemacht, das Ergebnis ist sensationell. Endlich wird deutlich, wie Jünger arbeitete, wie er frühe Werke der Entwicklung anpasste, die er selbst nahm. Jünger wurde allmählich von der gepanzerten Person der Jugendjahre, der er in "Der Arbeiter" (1932) seine unheimlichste Gestalt verlieh, zum anarchischen Waldgänger und schließlich zu einem der größten Sprachästheten deutscher Zunge — man lese nur seine Schrift "Sizilischer Brief an den Mann im Mond". Seine "Revisionsmanie" erklärt er damit, dass er "Einblick genommen habe in die planetarische Ordnung, die den Völkern gerecht werden solle". Er wolle kein "Museumswärter seiner selbst" werden, und die Publikation war ihm bloß ein willkürlicher Zeitpunkt im Prozess des Schreibens. Er müsse "mit ameisenhaftem Trieb herumminieren", Vollendung anstreben: "Es gibt nur Fassungen, der Stein der Weisen ist unsichtbar."

Das klingt so abgehoben wie gerade der späte Jünger auf jene wirkte, die ihn weniger als Künstler sahen denn als historische Persönlichkeit. Aber man sollte bedenken, dass Jünger alte Fassungen seiner "Stahlgewitter" zwar ablegte, aber nicht ablehnte. Er sah seine erste Arbeit vielmehr als Lebensbuch, das es zu ergänzen galt. Die Urfassung spiegelt den "prosaischsten aller Kriege". 1916 wurde Pickelhaube durch Stahlhelm ersetzt, und diesen tief ins Gesicht gezogen, registriert Jünger die Wahrheit der Front. Nie, selbst als Leutnant nicht, fragt er nach Sinn oder Logik der Befehle. Politik ist kein Thema, es gibt keine Kameraden-Anekdoten, keinen Hass gegen englische und französische Feinde. Sein Ton entspricht der mechanisierten Kriegsführung, zwischen den Zeilen erkennt man die transzendentale Obdachlosigkeit des ins Feld Geworfenen — Granaten muss er ohne ideologische Rückversicherung werfen. So dürfte es den meisten ergangen sein.

Helmuth Kiesel macht nachvollziehbar, wie progressiv das Verhältnis Jüngers zu seinen Texten war. Jünger schrieb die "Stahlgewitter" fort, um den Text ins Zeitlose zu heben, seinem Ideal eines Kunstwerks anzunähern. Dass der Forscher sich ein Augenzwinkern nicht verkneifen kann, tut der Sache gut. So entlarvt Kiesel Jüngers Marotte, das Flexions-e mit der Gießkanne über die Sätze zu kippen, auf dass sie gravitätisch klingen. Nicht immer gelingt es: "Es ist im Kriege mein Ideal gewesen, den Gegner unter Ausschaltung jedes Hassgefühls nur im Kampfe als solchen zu betrachten, und ihn als Mann seinem Mute entsprechend zu werten."

Jüngers Vater bleibt der Pate dieses Werks. Er sandte dem Sohn die kostbar eingebundenen Kladden an die Front, in die der seine Beobachtungen notierte. Noch zu Lebzeiten des 1998 kurz vor seinem 103. Geburtstag gestorbenen Autors wurden die 15 Büchlein des Kriegstagebuchs dem Deutschen Literaturarchiv Marbach übergeben. Sie sind verdreckt von Lehm und Erde und mit Blut befleckt. Aber die Schrift ist stets akkurat, die Zeilen halten Abstand zum Rand. 13 Mal wurde Jünger verwundet, Wilhelm II. verlieh ihm den Orden Pour Le Mérite. Jüngers Vater veröffentlichte die "Stahlgewitter" als Privatdruck — in der Hoffnung, die Persönlichkeit des in den Frieden zurückgekehrten Autors zu stabilisieren. So wird das Buch zum Bildungsroman aus der Krater- und Todeslandschaft, eine Erziehung zur Sachlichkeit.

Die Qualität dieses dynamischen Werks erschließt sich erst mit Kiesels Ausgabe. Die "Stahlgewitter" bleiben ein widerständiges Buch.

(RP)