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Paris: Erik Saties musikalische Tapeten

Paris : Erik Saties musikalische Tapeten

Das Gesamtwerk des französischen Komponisten liegt jetzt auf zehn CDs vor.

Als dieser kauzige, aber sehr konsequente, erzmusikalische und ungeheuer fantasievolle Komponist im Jahr 1925 in Paris gestorben war, näherten sich die Testamentshüter voller Vorsicht seiner Wohnung. Sie fanden unter anderem einen Kleiderschrank, in dem sie etliche identische graue Anzüge und Melonen sahen. Erik Satie hatte offenbar wenig Neigung zur optischen Abwechslung, sondern liebte das Serielle - das erstaunt bei einem Komponisten, der zu den kreativsten der Musikgeschichte zählt.

Satie, der im kommenden Jahr 150 Jahre alt würde, ist dem breiten Publikum vor allem als Erfinder der drei "Gymnopédies" für Klavier bekannt, deren erste sich die Württembergische Versicherung für eine TV-Werbung gekrallt hat (Kleinfamilie vor Felsenküste). In der Vokalmusik hat es einzig sein Chanson "Je te veux" zu einer gewissen Popularität gebracht, das Satie einmal im Trennungsschmerz komponiert hatte, weil seine Beziehung zu der Malerin Suzanne Valadon in die Brüche gegangen war.

Nur ein schmales Publikum kennt sich jedoch in den grotesken Paradiesen seiner vielen anderen Werke aus. Kaum jemand hat je einen vollständigen Eindruck von diesem vornehmen Dadaisten gewonnen - von diesem Sonderling, der Klavierstücke mit abstrusen Titeln komponierte, in denen sogar Birnen und Embryonen vorkommen. Es gibt in der Tat einen unbekannten Satie mit zum Teil noch verrückteren Kammermusikwerken, die eine sozusagen fluoreszierende Poesie ausstrahlen oder auf liebenswürdige Weise obszön tönen.

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Nun hat die Schallplattenfirma Warner sämtliche Werke dieses famosen Einzelgängers, der seinen Lebensunterhalt als Pianist in Pariser Bars, Cafés und Kabaretts verdiente und leider folgerichtig an einem Leberleiden starb, in einer zehn CDs umfassenden Box vorgelegt. Wir unternehmen eine Zeitreise in die französische Hauptstadt jener Zeit; wir staunen über seine Beliebtheit - Debussy und Ravel führten persönlich Saties Werke auf -, wir erleben rassige Werke fürs Ballett wie etwa die atemberaubende "Parade" (für die Companie von Diaghilew). Wir hören aber auch die schockierend unschuldige "Musique d'Ameublement", einer raffiniert und absichtsvoll erfundenen Hintergrundmusik, die wie eine klangliche Tapete so oft wiederholt werden kann, wie es der Dirigent wünscht. Damit war Satie der Vordenker der Kaufhausmusik von heute.

Erik Satie war ein breit gebildeter Mensch, der sich in der Literatur auskannte und lebhaften Kontakt zu Künstlern hatte. Alle mochten den geselligen Querdenker, auch Picasso, Man Ray, Georges Braque und Jean Cocteau. Diese interdisziplinäre Gesinnung hört man aus diesen zehn CDs wunderbar heraus.

(w.g.)