Entzückende Aufnahme von Bachs kurzen Messen

Entzückende Aufnahme von Bachs kurzen Messen

Alle Welt verehrt Bachs h-moll-Messe: Gipfelwerk, Summe des Glaubens, kontrapunktisches Monument. Nur wenige Musikfreunde wissen, dass Bach über die "hohe Messe" hinaus noch vier kurze, "lutherische" Messen geschrieben hat; sie waren (nur mit Kyrie und Gloria) ausdrücklich für den liturgischen Gebrauch komponiert. Zu großen Teilen bestehen sie aus Parodien früherer Werke: Bach hat dabei nur den Text eines Musikstücks ausgetauscht, aber die Musik beibehalten. Das sollte man nicht als Einfallslosigkeit missverstehen: Das Parodieverfahren war damals üblich; drei Viertel des "Weihnachtsoratoriums" sind Parodie.

Bei der Aufnahme der beiden lutherischen Messen F-Dur BWV 233 und G-Dur BWV 236 (wohl um 1738/39 entstanden) staunt man wieder, dass zwei so herrliche, für Chöre und Solisten dankbare und vom Instrumentarium nicht überladene Werke so unbekannt sind; wer sie kennt, kennt sie durch ihre Parodie-Urformen. Man sollte allerdings als Chorleiter nicht vorschnell die Noten ordern: Bach hat hier chorvirtuos in die Vollen gegriffen.

Das ist so recht nach dem Geschmack des jungen französischen Elite-Ensembles Pygmalion unter Raphael Pichon, das mit einem formidablen Solistenquartett (Eugenie Warnier, Sopran; Terry Wey, Alt; Emiliano Gonzales-Toro, Tenor; Christian Immler, Bass) Bachs unschlagbare Koloraturen und seine expressive Geistestiefe wunderbar einfängt. Kein Bach-Verehrer sollte sich scheuen, dieses Neuland durch einen beherzten Kauf zu betreten. Er wird wahrlich nicht enttäuscht. WOLFRAM GOERTZ

Alpha CD 170 (Vertrieb: Note 1)

Mehr von RP ONLINE