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Düsseldorf: Engagierter Jazz von Matana Roberts

Düsseldorf : Engagierter Jazz von Matana Roberts

Die Saxofonistin aus New York setzte ihre grandiose Album-Reihe fort.

Es dauert nicht lange, dann meint man zu wissen, wie es sich anfühlt in den Südstaaten. Man meint die Sonne in Louisiana zu spüren, die Hitze in Tennessee, den sumpfigen Geruch an den Ufern des Mississippi. Aber es ist nicht schön, im Gegenteil, denn der New Yorker Saxofonistin Matana Roberts geht es nicht um Idylle, einen Sehnsuchtsort oder darum, eine Landschaftsbeschreibung abzuliefern. Sie will mit dem Album "Coin Coin Chapter Three: River Run Thee" an die Zeit der Sklaverei in ihrer Heimat erinnern, und das gelingt ihr so eindrucksvoll, dass es beim Hören wehtut.

Roberts ist 37 alt, und sie plant, in einer Reihe aus zwölf Platten die Geschichte des schwarzen Amerikas aufzuarbeiten. Nun ist also Teil drei erschienen, und während man auf den vorangegangenen Produktionen freien Jazz mit eindeutiger Anbindung an die Tradition hörte, ist das nun gänzlich ungebundene Musik ohne jede Genrebegrenzung. Jedes von Roberts' "Coin Coin"-Alben ist ein eigener Essay, eine philosophisch-historische Einlassung, und auch die Form von "Chapter Three" passt sich seinem Thema an. "Sound Quilt" nennt Roberts ihre Musik, und tatsächlich erinnert dieser Klang an eine Decke, die aus vielen Flicken genäht wurde. Die Musikerin mischt Field Recordings, die sie vor Ort in den Südstaaten aufgenommen hat, mit Synthesizer-Geräuschen und Kindergeschrei, mit Spirituals und Gospels. Sie singt, sie spricht und klagt, sie doppelt ihre Stimme und tritt mit sich selbst in einen Dialog. Sie liest Texte vor, sampelt Zitate von Malcolm X.

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Es entsteht eine symphonische Collage, in die man eintaucht, in der man versinken kann, und die Brutalität des Gegenstands, um den es hier geht, symbolisiert das Altsaxofon. Roberts lässt es schreien, wenn sie einen historischen Bericht über einen Sklavenmarkt liest. Das ist ein fast 50-minütiges Brodeln mit gelegentlichen Explosionen, extrem intensiv und bei aller Abstraktheit durchaus zugänglich.

Das stärkste der zwölf ineinanderlaufenden Stücke ist die Eröffnung: In dem zehnminütigen "All Is Written" wiederholt Roberts die Zeile "Why do we try so hard?" ungezählte Male. Ihre Stimme ist kristallklar, aber sie lässt sie mehrfach brechen, um zu zeigen, wie schmerzensreich dieses Kapitel ist, wie groß die Müdigkeit der Kämpfenden gewesen sein muss und wie heftig ihre Verzweiflung über die brutalen Reaktionen auf jeden Vorstoß für Gleichberechtigung und Bürgerrechte.

"Coin Coin Chapter Three" ist ein Kunstwerk, ein Höhepunkt im zeitgenössischen Free Jazz.

(RP)