Endspurt bei den Stücketagen in Mülheim

Stück von Clemens J. Setz: „Die Abweichungen“ : Theater untersucht Familienmodelle

Mit einem Drama von Clemens J. Setz hat der Endspurt der Stücketage begonnen. Samstag wird der Dramatikerpreis vergeben.

Die Putzfrau ist tot. Sie hat sich das Leben genommen in ihrem eigenen Besenschrank. Die Familien, in denen sie zuletzt für Ordnung sorgte, reagieren mehr irritiert denn bestürzt. Als sei Selbstmord das Privileg einer Klasse, die sich Psychotherapie leisten kann. Und überhaupt: Wer übernimmt jetzt die Putzerei? Wirklich spannend wird die Geschichte von Clemens J. Setz, als die Polizei in der Wohnung der Putzfrau Modelle eben jener Wohnungen findet, in denen sie gearbeitet hat. Die Frau hat sie originalgetreu nachgebaut – bis auf wenige Details. Und diese Abweichungen haben es in sich.

Die Mülheimer Stücketage gehen in die letzte Runde. Am Samstag wird in öffentlicher Jurydebatte der Mülheimer Dramatikerpreis vergeben. Die Entscheidungsfindung wird auch im Internet übertragen (www.stuecke.de), und oft wird dabei nicht nur über Themen der Zeit gesprochen, sondern auch darüber, was Theater kann und soll.

Mit „Die Abweichungen“ war zu Beginn der letzten Spielwoche das Schauspiel Stuttgart zu Gast und hat ein Stück gezeigt, in dem der österreichische Autor auf verborgene Konflikte in Familien blickt. So wie die Putzfrau in ihren Modellen kleine Fehler eingebaut hat, gibt es auch in den Beziehungsmustern der dargestellten Familien Störungen, die im Laufe des Stückes ihr giftiges Potenzial entfalten.

Da ist die Familie eines überkorrekten Lehrers, dessen Frau mit Depressionen ringt. Da ist ein schwules Paar mit Teenager-Tochter, das sich an geplatzten Lebensträumen aufreibt. Da ist die ältere Frau, die ihren dementen Mann pflegt. Gerade diese Episode gelingt eindringlich, weil sie die latenten Aggressionen zwischen sorgender Ehefrau und driftendem Partner nicht ausspart. Setz findet Worte, um sowohl das Hin und Her zwischen Verwirrung und Klarheit bei dem Mann wie auch die unterdrückte Wut beider Partner darzustellen. In der Stuttgarter Inszenierung von Elmar Goerden wird das von Anke Schubert und vor allem Peter Rühring erschreckend wahrhaftig dargestellt. Doch es ist der sensible Text, der dieses Spiel ermöglicht und allein das zählt für die Jury in Mülheim.

So ist „Die Abweichung“ ein Beispiel für die Fähigkeit des Theaters, soziale Wirklichkeit zu spiegeln, ohne banal zu werden. Setz hat dafür einen raffinierten Rahmen gefunden. Die gestorbene Putzfrau ist auch als abwesende Figur wirkungsvoll, steht sie doch für Menschen, die notwendige Arbeit erledigen, aber kaum Achtung erfahren. Im Kontrast dazu stehen unterhaltsame Dialoge, die den Jargon der Kunstwelt karrikieren: Eine Galeristin entdeckt das künstlerische Potenzial der Wohnungsmodelle und stellt sie aus. Natürlich stößt sie damit auf Widerstand.

Setz hätte die meisten Episoden allerdings noch an schmerzhaftere Punkte führen können. Familienkonstellationen, wie er sie ausstellt, sind auf Bühnen nicht neu, und sie sind auch schon bissiger zerlegt worden. „Die Abweichungen“ sind trotzdem ein Beispiel dafür, wie wirkungsvoll Theater die Wirklichkeit der Zuschauer aufgreifen und Verdrängtes sichtbar machen kann. Auch die Bühne ist ja so ein Modell, eine Miniatur, wie die Putzfrau sie schuf, um Leben nachzustellen.

Bei Clemens J. Setz tritt in diversen Variationen die Einsamkeit in scheinbar intakten Familienverbänden zu Tage. Nur die beiden Teenager im Stück können ihr entkommen: Sie steigen in einen Schrank und spielen Flug zum Mond. Die Fantasie gehört ihnen.