Element Of Crime: „Lieblingsfarben und Tiere“

Rezension : Element Of Crime: „Lieblingsfarben und Tiere“

Jede neue Platte von Element Of Crime ist ein Besuch im Heimatkundemuseum des Herzens. Und wie beim Lesen der Bücher von Sven Regener ergeht es einem auch hier: Man kommt nicht los von diesem Sound, man beginnt irgendwann genauso zu denken, wie Regener singt.

Die innere Stimme nimmt seinen Tonfall an. Die Gedanken werden einem kraus, und die Zunge wird schwer. Ganz schlimm ist es, wenn man die Hörbücher von Regeners Romanen abspielt, die der Autor selbst einliest: Man ist auf Wochen verdorben, ein Regener-Klon.

"Lieblingsfarben und Tiere" ist wieder eine sehr schönes Album geworden, auch wenn man beim ersten Hören Bedenken hatte, ob man das wohl noch mögen würde: diese Nordlicht-Folklore, die gesungene Kurzgeschichten-Lyrik. Aber man versinkt geradezu in dieser Welt, die Musiker schunkeln einen hinein in den Kosmos Element Of Crime, man kann sich gar nicht dagegen wehren.

Regener erzählt aus der Sicht von Männern, die sagen müssen, was sie nicht sagen können und deshalb Dinge tun, von denen sie nicht wissen, ob sie sie tun sollten. Diese Stücke muten melancholisch an, aber das ist natürlich nur Pose, im Grunde sind das heitere Erzählungen. Man kriegt Lust auf Sprache, wenn man Regener zuhört, man muss sich nur mal den Titelsong genauer ansehen. Eigentlich kann kein Mensch so etwas singen, ohne dass es hölzern wirkt und doof.

Aber Regener kann das: "Schön dass du persönlich an der Tür/ Die Klingelleitung testest/ Du hast recht, da ist technisch nicht alles 1a/ Im Schwachstromsignalübertragungsweg/ Gibt es Durchleitungsprobleme/Doch wer wirklich zu mir will, kommt damit klar. " Es geht darum, das Handy auch mal auszuschalten, sich unter den Baum zu legen, um Apfel statt Apple: "Die E-Mails und die Kurznachrichten/ Kannst Du zusammen mit/ Den Excel- und Word-Dokumenten dahin tun/ Wo die Sonne auch an warmen Tagen/ Niemals scheint und wo auch/ Schon die Meetings und die Skype-Kontakte ruhen."

Das Lustige an Element Of Crime war ja bisher, dass sie sich älter gaben als sie waren. Inzwischen — Regener ist 53 Jahre alt — sind sie so alt, wie sie stets sein wollten, und dabei klingen sie frischer als je zuvor. Regener-Texte beschreiben das Staunen darüber, dass man lebt und dass dieses Leben erschütternd ist und einen manchmal tatsächlich durchrüttelt, zum Beispiel in der Herzregion. Das tollste Lied auf dieser Platte ist insofern "Rette mich". Das ist ein Schmachtfetzen tief aus dem Zentrum der Bräsigkeit. "Heimatlos und viel zu Hause. Unterbeschäftigt und viel zu tun", heißt es da. Und, immer wieder: "Hauptsache Liebe und Hauptsache Du."

Über die Trompete von Sven Regener müsste man mal eine Doktorarbeit schreiben, über ihr Weinen, und ob das überhaupt ein Weinen ist oder doch ein Lachen oder bloß ein Summen im Walde. Es gibt hier auch ein Saxofon, das hört sich ein wenig verhuscht an, und manchmal wirkt die Gitarre etwas kratzbürstiger als von Element Of Crime gewohnt. Die Platte davor hatte einen folkigen Einschlag, diese ist im Vergleich jazziger geraten, aber das sind nur Nuancen, das ist, als wolle man Niesel- von Fisselregeln unterscheiden. So ist denn das größte Kompliment, das man dieser Produktion machen kann, dieses: hundert Prozent Element Of Crime.

(hol)
Mehr von RP ONLINE