Frankfurt/M.: Eine Stadt im Zeichen des Jazz Kracht als Junge missbraucht

Frankfurt/M.: Eine Stadt im Zeichen des Jazz Kracht als Junge missbraucht

Bei der Jazz Rallye in Düsseldorf tritt unter anderem Weltstar Candy Dulfer auf.

Es ist das größte deutsche Jazz-Festival und lockt wieder bis zu 300.000 Besucher nach Düsseldorf. In diesem Jahr treten bei der "Schauinsland-Reisen Jazz Rally" mehr als 500 Musiker aus den unterschiedlichsten Teilen der Welt auf. Mit Höhepunkten aus Jazz, Blues, Funk oder Soul will die Unternehmervereinigung Destination Düsseldorf (DD) so viel Musikfreunde wie möglich erreichen.

Die Höhepunkte sind auf dem Burgplatz zu erleben. Weltklasse verspricht dort Candy Dulfer am Sonntag ab 20.30 Uhr. Die niederländische Saxofonistin, die schon mit Prince, Dave Stewart, Lionel Richie und Van Morrison spielte, will mit ihrem Groove die Menschen im Konzertzelt in Bewegung bringen.

The Supremes schrieben schon in den 1960er und frühen 70er Jahren mit weltbekannten Hits Musikgeschichte. Mit "Where Did Our Love Go" landete das Trio um Diana Ross damals zum ersten Mal an der Spitze der US-Charts. Es folgten weitere Nummer-Eins-Hits wie "Stop! In the name of love", "Baby Love" und "You Can't Hurry Love". Im Laufe der Jahre veröffentlichten sie in wechselnder Besetzung 25 Schallplatten mit zahlreichen Spitzensongs. Scherrie Payne stieß 1973 zu den Supremes. Susaye Greene, die zuvor in der Backing Band von Stevie Wonder als Sängerin mitgewirkt hatte, ersetzte kurze Zeit später Cindy Birdsong. Joyce Vincent Wilson komplettierte das Vocal-Trio. The Supremes wurden nach ihrer langen erfolgreichen Karriere 1988 in die Rock'n'Roll Hall of Fame aufgenommen und gelten heute noch als eine der erfolgreichsten Girl-Bands der Welt. In Düsseldorf werden Payne, Greene und Wilson morgen ab 20.30 Uhr vom Baltic Soul Orchestra begleitet.

Die 26. Jazz Rally setzt auch 2018 abseits der großen Höhepunkte verschiedene Schwerpunkte. Zur Eröffnung gestern fanden in der Rheinterrasse am Joseph-Beuys-Ufer Konzerte von Mood Indigo und Greetje Kauffeld statt. Heute begleitet die Big Band der Bundeswehr dort ab 19.30 Uhr unter der Leitung von Timor Chadik die Songschreiberin und Jazz-Award-Preisträgerin Pe Werner. Das außergewöhnliche 17-köpfige Subway Jazz-Orchester präsentiert zur gleichen Zeit im Forum der Stadtsparkasse, Berliner Allee 33, genreübergreifende Musik auf kreativ höchstem Niveau.

Unter freiem Himmel performt die Big Band der Clara-Schumann-Musikschule Düsseldorf morgen ab 16 Uhr auf der Sparda-Bühne am Rathaus. Das Ensemble präsentiert swingend Titel von Bon Jovi, Survivor, R.E.M, Lionel Richie, Kurt Cobain, Michael Jackson, Spandau Ballett, Van Halen, Pet Shop Boys und The Cure.

Jazz-Legende Klaus Doldinger ist bei der Jazz Rally dabei, und im Landtag gibt es morgen polnische Klänge: Monica Borzym (ab 16 Uhr) und Kroke (ab 20 Uhr) werden zu erleben sein.

Info www.duesseldorfer-jazzrally.de

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Der Autor erzählt in Frankfurt von seinen traumatischen Internats-Erlebnissen.

Christian Kracht war der, der zu Messepartys in mächtig alkoholisiertem Zustand für Tumulte sorgte und vom Sicherheitspersonal flugs hinausbegleitet wurde. Er war der, der sich mit anderen damaligen Popliteraten im Hotel Adlon der "Tristesse Royale" hingab, der zu Interviews mit dreistündiger Verspätung kam, um zu sagen, dass er keine Interviews geben wird. Und der sich auf seinen Lesungen meist mit Parka und Burberry-Schal verhüllte. Wie auch jetzt in Frankfurt, zum Auftakt seiner Poetikvorlesung, die aber keine gewesen ist, sondern ein Geständnis. Dass er nämlich als Zwölfjähriger im kanadischen Internat der Lakefield College School missbraucht worden war - von einem Pastor namens Keith Gleed. Und wie er weinend seinen Eltern davon am Telefon berichtete und diese ihm nicht glauben wollten, da er immer schon eine "ausladende Fantasie" gehabt habe. "Trübe Erinnerungstümpel" hätten ihn fortan umgeben.

Bis ihn im vergangenen Jahr die Nachricht erreichte, dass zu Ehren des inzwischen verstorbenen Schulpastors ein Taufbecken eingeweiht werden solle und sich daraufhin 30 damalige Mitschüler zu Wort meldeten: Der Pastor habe sie missbraucht, vergewaltigt, zum Mundsex gezwungen oder vor ihnen masturbiert, so Kracht. Nachdem sich Kracht das "Szenario" der eigenen Misshandlung fast vier Jahrzehnte eingebildet zu haben glaubte, kamen die Bilder der Erinnerung wieder an die Oberfläche: Wie er sich in dem ansehnlichen Holzhaus des Pastors nackt ausziehen musste, wie er sich "über die Lehne des Sofas drapieren" musste und "mit dem Gürtel auf Rücken und Hinterteil" geschlagen wurde. Auf Anweisung von Pastor Keith Gleed sollte er schluchzend so verharren. "Ich hörte ihn leise stöhnen, und ich muss heute annehmen, dass er sich hinter mir stehend selbst befriedigt hatte."

Man ahnt, wie viel Überwindung es den 52-jährigen Kracht gekostet haben muss, dies jetzt vor einem großen Publikum zu erzählen. Aber auch: Wie wichtig es für sein Leben und Schreiben ist, diese Überwindung dann auf sich zu nehmen.

Kracht hat lange darüber nachgedacht, was den Pastor angetrieben hat, Schutzbefohlene zu missbrachen. Es sei wohl "die Freude an der Ausübung purer, unverfälschter Macht" gewesen, die "Obsession mit Ausformung der menschlichen Erniedrigung", und dann ein gewisser Ästhetizismus". All das hat Kracht literarisch begleitet, nämlich in den "Eigenschaften und Empfindungen, die viele meiner Figuren teilen mögen". Nach seinen Worten sind so "der Akt des Schreibens selbst, die Gewalt, die Erniedrigung, die Grausamkeit, der körperliche Ekel und die fetischisierte, oft verlagerte männliche Sexualität Topoi meiner Arbeit geworden"; in Büchern wie "Faserland" und "Ich werde hier sein im Sonnenschein und im Schatten", in "1979" und "Imperium".

Man wird das Werk wieder lesen und seinen Autor neu bedenken müssen. Morgen wird die Poetikvorlesung in Frankfurt fortgesetzt.

(los)
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