Gelungene Hommage an Dietrich und Piaf im Theater an der Kö Es knistert zwischen Edith und Marlene

Düsseldorf · Sie konnten unterschiedlicher kaum sein, die preußisch strenge Marlene Dietrich und Edith Piaf, Tochter einer Straßensängerin. Trotzdem verband die beiden Künstlerinnen eine lange Freundschaft. Das Theater an der Kö hat ihnen die Hommage „Spatz und Engel“ gewidmet.

 Felicitas Hadzik (l.) als Edith Piaf, daneben Anne-Catrin Wahls als Marlene Dietrich.

Felicitas Hadzik (l.) als Edith Piaf, daneben Anne-Catrin Wahls als Marlene Dietrich.

Foto: Theater an der Kö

: Nach Bette Davis und Joan Crawford stehen derzeit im Theater an der Kö erneut zwei Diven im Mittelpunkt: „Spatz und Engel“ heißt das Stück aus der Feder von Thomas Kahry und Daniel Große Boymann. Es beleuchtet die enge Freundschaft zwischen Marlene Dietrich (1901–1992) und Edith Piaf (1915–1963).

Die beiden lernten einander 1948 Backstage in New York kennen. Das Boulevardstück verlegt die erste Begegnung auf eine Toilette. Edith (Felicitas Hadzik) heult sich nach ihrem Konzert dort die Augen aus, überzeugt davon, dass die Amerikaner ihre Chansons nicht verstehen. In der Kabine nebenan hört die Dietrich (Anne-Catrin Wahls) ihr Schluchzen und tröstet die Kollegin. Fortan wird sie, die vierzehn Jahre jüngere Französin unter ihre Fittiche nehmen.

Ob es sich tatsächlich so abgespielt hat, ist nicht überliefert. Sicher aber ist, sie waren sich auf Anhieb sympathisch. Ein Grund mag gewesen sein, dass beide sich in den USA fremd fühlten. Sie teilten ähnliche Bühnenerfahrungen, wussten, wie es ist, angehimmelt zu werden und auch, wie es sich anfühlt, eine Show abzuliefern, selbst wenn ihnen dazu die Kraft fehlte. Marlene hatte zum Zeitpunkt ihres ersten Aufeinandertreffens schon erreicht, was die Piaf noch anstrebte: Amerika zu erobern. Trotz einiger Gemeinsamkeiten hätten sie unterschiedlicher wohl kaum sein können.

Während Marlene Dietrich preußisch streng erzogen in einer Offiziersfamilie aufwächst, lernt die Piaf schon früh das harte Leben ohne festen Wohnsitz kennen. Ihr Vater, ein Zirkusakrobat, verließ Mutter und Tochter. Edith wächst in einem Bordell in der Normandie auf. Ihre Mutter schlägt sich derweil als Straßensängerin durch. Marlene hingegen wird von den Eltern in ein Internat nach Weimar geschickt. Trotzdem oder vielleicht gerade deshalb schätzen die Weltstars einander, zumal beide Freundinnen klarer Worte sind. Die Anziehung basierte wohl auch auf dem Begehren von etwas, das die jeweils andere hatte.

Marlene verstand sich zu kleiden und sich zu präsentieren. Groß und schlank mit gerader Haltung, war sie genau das Gegenteil der zierlichen Edith, die so gar kein Gespür für ihr Äußerliches zu haben schien. Dafür begeisterte sie ihr Publikum mit einer Stimme, von der Marlene nur träumen konnte. Nicht von ungefähr bekam die Piaf den Beinamen „Spatz von Paris“, gefeiert als eine aus dem Volk. Während die unnahbare Marlene der ewige „blaue Engel“ blieb.

Die Hommage im Theater an der Kö beleuchtet ihrer beider Leben und diese besondere Verbindung, die in der Öffentlichkeit kaum bekannt war. Dabei spielt das Stück mit der Annahme, die beiden Frauen hätten auch eine Liebesbeziehung miteinander gehabt. Die Autoren Thomas Kahry und Daniel Große Boymann haben zuvor viel recherchiert. Konnten sogar noch mit Marlenes 2011 verstorbener Sekretärin Norma Bosquet darüber sprechen und beziehen sich außerdem auf die von ihrer Tochter Maria Riva 1992 veröffentlichte Biografie „Meine Mutter Marlene“. In der schrieb sie: „Marlene erlag dem Zauber der Piaf“. Bei ihren Liebhaberinnen bevorzugte die Dietrich offenbar einen Frauentyp, dem Edith Piaf entsprach: Klein, zierlich und temperamentvoll, eben keine „glattgebügelte Hollywood-Schönheit“, wie ihr Bühnen-Ich sagt.

Marlene ist an Ediths Seite, als deren Ehemann Marcel bei einem Flugzeugabsturz ums Leben kommt. Die ältere sorgt sich um die Freundin, die zunehmend zur Flasche und bald auch zu Drogen greift. Das wirkt sich auf ihre Beziehung zueinander aus. Die Französin will von der strengen Deutschen nicht mehr bemuttert werden und wird dafür als „böser Kobold“ beschimpft.
Anders als bei „Bette und Joan“ steht bei „Spatz und Engel“ die Musik im Vordergrund. Sie fügt sich nahtlos in die Handlung ein. Zwar war die Dietrich hauptsächlich Schauspielerin, ging jedoch vor allem in ihrer späteren Karriere mit Chanson-Abenden auf Tournee.

Ihre Lieder spiegelten die Lebenseinstellung der beiden Berühmtheiten. Edith träumte immer von der einen großen, der wahren Liebe. Die besang sie in unvergessenen Songs wie „Hymne a l’amour“ und „La Vie En Rose“, die auch im Stück zu hören sind. Marlene hingegen wechselte ihre Männer wie ihre Garderobe und zog sich schließlich allein in ihr Pariser Apartment zurück.

Felicitas Hadzik ist eine ebenso überzeugende Piaf, wie ihre Kollegin Anne-Catrin Wahls ihrer Marlene Leben einhaucht. Dabei schafft es Hadzik, stimmlich mit der Piaf durchaus mitzuhalten. So gehören ihre Passagen auch zu den Highlights der Inszenierung, die in ein fulminantes Finale mündet.

Anders als Désirée Nick und Anouschka Renzi, die wie ihre Bühnenfiguren Bette Davis und Joan Crawford auch privat eher im Zickenmodus unterwegs sind, merkt man Hadzik und Wahls die Sympathie füreinander an. Die Chemie hinter den Kulissen stimmt, und das tragen die beiden auf die Bühne. Es knistert zwischen Edith und Marlene. Plötzlich ist es gar nicht mehr so überraschend, dass diese so unterschiedlichen Frauen einander sehr zugetan waren.

Es macht Freude den beiden Schauspielerinnen bei ihrer mitreißenden Hommage an zwei der größten Stars des letzten Jahrhunderts zuzusehen und vor allem zuzuhören.

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