Eine andere Geschichte Syriens

Eine andere Geschichte Syriens

Der Nahost-Experte Lüders übt scharfe Kritik an der Assad-Politik des Westens.

Michael Lüders, Fachbuchautor mit langjährigen Erfahrungen im Mittleren Osten, hat ein Buch über das kriegerische Chaos in Syrien geschrieben. Es will aufklären und endet in ratloser Entrüstung. Schlusswort ist ein Zitat von Albert Camus: "Ich empöre mich, also sind wir." Lüders erzählt die fehlenden Teile der Geschichte vom syrischen Krieg, die in Politik und Medien kaum eine Rolle spielen. Er beginnt mit den ersten Putschversuchen der CIA in Syrien 1949. Er sieht dann, wie Hafis al Assad, Repräsentant der religiösen Minderheit der Alawiten, sich 1970 an die Macht putscht. Alawiten dominieren die Armee, Folge der französischen Protektoratspolitik. Auf sie gestützt, sichert Assad gewaltbereit seine Herrschaft; Sohn Baschar setzt das fort. Beide gewähren religiöse Toleranz.

Dieses Herrschaftssystem kommt in die Krise, als im arabischen Frühling 2011 junge Aktivisten protestieren - wegen sozialer Ungerechtigkeit, wegen Korruption, gegen den Sicherheitsapparat. Das Assad-Regime antwortet mit exzessiver Gewalt - wie seit 40 Jahren. So weitet sich der Widerstand aus, getragen von verarmten Sunniten, von Bauern, die unter Dürre leiden, vom sozialen Prekariat. Die religiösen Minderheiten und die sunnitischen Händler halten sich heraus, mehr als die Hälfte der Bevölkerung ist nicht gegen Assad.

Für eine angebliche Mehrheit sprechen im "Westen" kleine Gruppen von Akteuren. Sie finden schnell politische und publizistische Unterstützung. So entsteht das Bild einer syrischen Zivilgesellschaft, die die Macht übernehmen kann und dann einen demokratischen Staat aufbaut. Lüders kommentiert richtig: "Ein historisches Beispiel für die Machübernahme einer wie auch immer verfassten Zivilgesellschaft unter Kriegsbedingungen gibt es indes nicht." Realität ist, dass diese Kräfte viel zu schwach sind. Und so dominieren als kriegsbereite Opposition Dschihadisten.

An dieser Stelle der Erzählung blendet Lüders zurück auf Dokumente der amerikanischen Politik seit Anfang der 90er Jahre. Da ist vor allem die Auffassung von Paul Wolfowitz, Staatssekretär im US-Verteidigungsministerium, der nach dem ersten Golfkrieg ankündigte, mit Syrien, Irak und Iran aufzuräumen. Dokumente der Folgejahre zeigen die Umsetzung dieser Machtpolitik, die Regimewechsel als ein legitimes militärisches Mittel erachtet. Dazu gehören das Interesse an Waffenlieferungen, an Gas-Pipelines nach Europa sowie die Interessen Saudi-Arabiens gegen Alawiten und Schiiten und nicht zuletzt die Großmachtpolitik der Türkei.

Lüders kritisiert auch Medien und Thinktanks, die offene Fragen als Wahrheiten ausgeben. So gilt inzwischen als unwahrscheinlich, dass der Giftgas-Angriff 2013 von Assad kam. So wird kaum berichtet, dass es neben den syrischen Flüchtlingen in die Türkei und nach Europa fünf Millionen Binnenflüchtlinge aus den von Dschihadisten okkupierten Teilen Syriens in die von Assad beherrschten gibt. Die Kooperation mit Dschihadisten gehört zur US-Politik in Syrien, jetzt werden die europäischen Staaten mit den Folgen des Terrors konfrontiert. Dazu nennt Lüders zwei Zitate, eines von Egon Bahr: "Wenn ein Politiker anfängt, über Werte zu schwadronieren, anstatt seine Interessen zu benennen, wird es höchste Zeit, den Saal zu verlassen", und eines von Henry Kissinger: "Amerika hat keine dauerhaften Freunde oder Feinde, nur Interessen."

(RP)
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