Ein Sohn kämpft für sein eigenes Leben

Ein Sohn kämpft für sein eigenes Leben

Sehr gelungene Adaption des niederländischen Romans "Oben ist es still".

Etwas Schwerwiegendes muss vorgefallen sein zwischen diesem mürrischen Vater und dessen schweigsamen Sohn. Anders ist nicht zu erklären, warum Helmer den gebrechlichen alten Mann eines Tages über die Schulter legt, wie einen schweren Futtersack, ihn mühselig eine Treppe hinaufschleppt und oben ins Bett legt. Fortan wird er dem gelähmten Vater pünktlich sein Essen bringen und sich weiter kaum noch um ihn kümmern. Er hat seine Gründe, dieser verstockte Helmer. Der Vater hatte verhindert, dass er sein Leben wirklich lebt, jetzt ist er an der Reihe.

In einem schmerzlich lakonischen, zugleich wuchtigen Roman erzählt der niederländische Autor Gerbrand Bakker die Geschichte eines Bauern auf Zeeland, der sich still und unerbittlich seines Vaters entledigt, um endlich das Leben zu führen, das in ihm angelegt ist. Und obwohl die Geschichte traurig ist und Helmer ein Stoiker, wurde der Roman ein Bestseller. Denn er handelt von einer Befreiung, von einem Mann, der zu sich findet, und erzählt ohne falschen Kitsch eine eigenwillige Liebesgeschichte. Die ebenfalls aus den Niederlanden stammende Filmemacherin Nanouk Leopold hat "Oben ist es still" jetzt verfilmt und auf ganz eigenständige Art genau den Ton zum Buch getroffen.

Gesprochen wird kaum in diesem Film, dafür beobachtet: Wie Helmer die Kühe melkt, die Eimer reinigt, dem Vater das Essen bringt, den Zaun repariert, mit dem Fahrer des Milchlasters spricht, ein paar Worte nur. Kaum ist der Vater verbannt, beginnt Helmer Schritt für Schritt, die untere Etage in seinem muffigen Altmänner-Elternhaus zu renovieren. Er streicht die Wände, kauft neue Möbel, jagt die Vergangenheit aus dem Haus.

Die Kamera beobachtet das alles mit der gleichen Unerbittlichkeit, mit der Helmer seinem Vater zeigt, dass seine Zeit abgelaufen ist. Und der niederländische Darsteller Jeroen Willems spielt diesen Helmer mit großer Traurigkeit und Stärke. Man folgt jeder Regung dieses Darstellers, der einfach minutenlang auf dem neuen Bett liegen kann, die Arme verschränkt, und doch weiß der Zuschauer danach, dass dieser Mensch sich entschlossen hat, ein neues Leben zu beginnen. Dass er einen Preis dafür zahlt, den Preis der Unschuld. Und dass er deswegen keine Reue empfinden wird.

Das bewundernswerte an dieser Verfilmung ist, dass sie der Versuchung widersteht, das Drama zwischen Vater und Sohn in Dialoge zu verwandeln, zu erzählen, was nicht gesagt werden muss. Genauso wenig instrumentalisiert Nanouk Leopold die Küstenlandschaft Zeelands, ringt den schweren Weiden keine bedeutungsschweren Bilder ab. Sie zeigt einfach, wie Erbe einengen, wie die Beziehungen in Familien belasten können. Und wie einer diese Last einfach auf den Speicher schleppt, als die Zeit reif ist. llll

(RP)
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