1. Kultur

Ein lauter Journalist: Tilman Jens stirbt mit 65

Nachruf : Ein lauter Journalist: Tilman Jens stirbt mit 65

Tilman Jens war ein Provokateur, unbequem. Als erster machte er die Demenzerkrankung seines Vater Walter Jens publik und rechnete mit einer ganzen Generation ab.

(los) Tilman Jens gehörte manchmal zu jenen Journalisten, bei denen aus Neugier an guten Geschichten die Gier zur Sensation wird. Das sind keine löblichen Worte, die ja oft und aus Gründen der Pietät Nachrufe diktieren. Das aber wäre nicht angebracht bei Tilman Jens, der – wie bekannt wurde – bereits am Mittwoch im Alter von 65 Jahren gestorben ist.

Jens ist ein großer Name, aber es ist der von Walter Jens, von jenem wortmächtigen Kritiker, Altphilologen und Rhetorikprofessor aus Tübingen. In seinem Schatten stand Tilman; und so mutete es wie eine Abrechnung an, als er die Demenzerkrankung seines Vaters als erster publik machte. Es war unwürdig, wie er seinen Vater beschrieb, der nachts orientierungslos durchs Haus geisterte und dem man als eine Art Belohnung Kuchen in der Küche auslegte. Es war auch die Abrechnung mit einer ganzen Generation. So erwähnte er permanent die NSDAP-Mitgliedsnummer seines Vaters und attestierte ihm überdies „politische Demenz“.

Journalistisch inakzeptabel war auch seine Recherche zum verstorbenen Autor Uwe Johnson in den 1980er Jahren. So war er in das Haus des Autors eingebrochen, um an Dokumente zu gelangen. Walter Jens bemühte sich damals, seinen Sohn in Schutz zu nehmen, und opferte dafür seine Freundschaft mit dem empörten Literaturkritiker Marcel Reich-Ranicki.

Tilman Jens war ein Provokateur, unbequem, laut. Das war vielleicht auch die Reaktion auf eine finstere Schulzeit. So besuchte er die südhessische Odenwaldschule und beschrieb später den Missbrauchsskandal dort. Sein bewegendes Buch darüber trägt den Titel „Freiwild“.