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Ein Beschwerdechor für Bürgerproteste

Ein Beschwerdechor für Bürgerproteste

Zug Die schweizerische Stadt Zug hat einen "Beschwerdechor" auf die Beine gestellt und Bürger eingeladen, ihren persönlichen Anliegen in einer Chorproduktion Ausdruck zu verleihen. Unter dem Motto "Singen, worüber man sich ärgert" wurden Beschwerden gesammelt und zu einem Chorstück verarbeitet. Weltweit haben sich bereits in über 30 Städten "Beschwerdechöre" formiert. Die Idee stammt von dem finnischen Künstlerpaar Tellervo und Oliver Kalleinen.

Beschwerdechöre sind hilfreich, weil persönlich vorgebrachter Protest oft versandet. Die Schlaglöcher im Straßenasphalt vor der Haustür sind seit dem Winter nicht gestopft, die Stoßdämpfer des Autos haben bereits einen Schlag weg, und man ruft die Stadtverwaltung an. Dort wird man vertröstet. Es fehle am Geld. Vielleicht schicke man jemanden, aber es sei unklar. Dabei ist der Auftrag nicht kompliziert: Schlaglöcher gibt es immer, da muss einer von der Stadt rausfahren und sie zumachen, fertig. Macht aber keiner. Hier ist der Beschwerdechor gefordert. Er postiert sich vor dem zuständigen Amt und singt. Sofort schreien alle Mitarbeiter aus den Fenstern: Gnade, aufhören, wir erledigen es sofort – nur bitte nicht mehr singen! Oder sie rufen: Wie schön, singt noch ein Viertelstündchen weiter, dann haben wir für alle Wünsche ganz bestimmt ein offenes Ohr!

Vermutlich müsste ein Beschwerdechor bisweilen grausam sein. Dafür gibt es – typisch finnisch – ein Vorbild: Mieskuoro Huutajat, den "Chor der schreienden Männer". Hier kleiden sich alle Herren in schwarze Anzüge, weiße Hemden und knoten sich schwarze Gummi-Krawatten um den Hals, um sich anschließend die Lunge aus dem Hals zu brüllen. Zwar ist dieser Chor nicht auf Reklamationen erpicht, sondern auf Spaß und Wucht. Trotzdem dürften sie ihre Wirkung nie verfehlen. Vor allem in einer Stadtverwaltung.

Scheitern werden die meisten Beschwerdechöre an der Logistik. Wer trommelt die Sänger zusammen, wer dirigiert sie, wer schreibt die Arrangements? Wer bucht den öffentlichen Raum, informiert die Polizei, dass man nicht zu randalieren beabsichtigt, und klärt die juristisch interessante Frage, ob es sich um eine politische Demonstration oder um eine Kunstübung handelt. Zu klären wäre auch die Frage, ob Beamte einem überaus schönen, harmonisch aparten, vierstimmig oder gar doppelchörig ausgreifenden Beschwerdegesang überhaupt lauschen. Vielleicht ist das Anhören von Beschwerdechören als unerlaubte Annahme von Vergünstigungen zu werten und a priori unter Strafe gestellt. Dann hilft wirklich nur: brüllen, bis es weh tut.

(RP)