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Düsseldorfer Schauspielhaus bringt mit "Maria Stuart" großes Theater

Premiere am Düsseldorfer Schauspielhaus : Tragische Intrigen

Ein Erlebnis: In Düsseldorf sind in Schillers Tragödie „Maria Stuart“ große Schauspielerinnen zu erleben. Minna Wündrich und Judith Bohle zeigen, wie beklemmend aktuell der Stoff bis heute ist.

Und dann steht wieder mal Schiller auf dem Spielplan. Der Freiheits- und Historien-Schiller. Der größte Sprichwort-Lieferant unter Deutschlands Dichtern. Der Pflichtlektüren-Schiller, madig gemacht etlichen Generationen von Schülern. Der Gesamtausgaben-Schiller, mit feinem Lesebändchen im Regal verstaubend.

Aber da ist Judith Bohle. Ein Häufchen Elend, so allein und zusammengekauert mitten auf der großen Bühne. Nur mit weißer, einfacher Unterwäsche ist sie bekleidet. Mit ihr tritt Maria Stuart mitten unter uns und mit ihr die Geschichte ihres Leids, ihrer Gier nach Macht und somit Krone. Das alles ist jetzt Gegenwart, wird zu einer eigenen Wahrheit, wie sie uns vielleicht nur das Theater zeigen kann. Dazu hätte es Hildegard Knefs eigentlich nicht bedurft, deren maßlose Lebenshunger-Forderung nach permanent regnenden Rosen als eine Art zynischer Prolog vorher eingespielt wird.

Nein, Rosen regnen auf diese Maria Stuart nicht mehr herab. Die einstige Königin von Schottland bettelt bei Englands Königin Elisabeth I. um ihr inzwischen kleines Leben. Zu ihr war Maria geflohen, nachdem ihre Umfragewerte im eigenen Land massiv gesunken waren. Dass sie (vermutlich) ihre Gatten daheim meucheln ließ und hernach den Meuchler ehelichte, war schon nicht die feine Art. Aber dass sie zur neuerlichen Hochzeit auch noch das Meuchelschwert durch die Straßen tragen ließ, damit verspielte sie vollends jede Chance, als Königin der Herzen in die Geschichte einzugehen. Nun sitzt sie also im Gewahrsam ihrer englischen Standesschwester, und dafür gibt es Gründe. Denn unzweifelhaft hat es die Stuart auch auf die englische Krone abgesehen, zumal sie eine geborene Tudor ist, während Elisabeth ihren Herrschaftsanspruch bloß als uneheliches Kind Heinrichs VI. belegen kann. Und es gibt ein Zepter nur fürs ganze Land!

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Das ist schon ein feines Motiv für ein Drama; doch Friedrich Schiller hat noch ein bisschen mehr daraus gemacht. Der Stoff habe „unstreitig sehr viele dankbare Seiten“, schreibt er 1799 an Goethe. Und so kommt es dann auch: In Maria und Elisabeth treffen bei Schiller Lebensentwürfe aufeinander, wie sie unterschiedlicher, aber auch aktueller kaum sein können. Ausschweifend, extrovertiert und sinnlich die eine, diszipliniert, pflichtbewusst und unnahbar die andere. Dass Maria katholisch und Elisabeth protestantisch ist, gibt ihren Daseinsentwürfen noch einmal einen Überbau, doch wirklich entscheidend ist das nicht.

Aus dem Ende hat Schiller kein Geheimnis gemacht. Von Beginn an wird die Hinrichtung feststehen, sie ist nicht die dramatische Pointe. Das eigentlich Aufregende werden ihre jeweiligen Begründungen von Macht sein, besonders im einzigen Aufeinandertreffen der beiden. Das hat es zwar nie gegeben, doch sprang Schiller, der sich auch als Geschichtsprofessor zu Jena sein Brot verdiente, hier über seinen Schatten und bediente sich bei jener Quelle, die wir dichterische Freiheit nennen.

Zwei Frauen, die um die Macht der Länder ringen? Das klingt nach einem reichlich frühen Emanzipationsstück. Ist es aber nicht. Maria und Elisabeth agieren in einer Männerwelt, sie sind ihr ausgeliefert und können nur in dieser handeln. Sicher, die großen, tragischen Figuren bleiben Maria und Elisabeth, doch in den Kassenhäuschen zu dieser Arena sitzt das übliche Männerensemble: unter anderem mit dem Grafen von Leicester, der sich an beide Königinnen ranmacht und somit hofft, ungeachtet des Ausgangs Nutznießer dieses ganzen Schlamassels zu werden. Wolfgang Michalek gibt ihn geschmeidig, charmant, verzweifelt und überzeugend rückgratlos. Oder Mortimer (Joscha Baltha), der – von Marias Liebreiz zusätzlich motiviert – ihre Befreiung im Schilde führt und sich nach dem Scheitern aller Pläne der Verantwortung mit Selbstmord entzieht.

Alle Männerrollen – in denen noch Thiemo Schwarz, Andreas Grothgar, Markus Danzeisen und Rainer Philippi wirklich zu erleben sind – sind Nebenrollen. Das aber macht es so unheimlich, dass ihnen letztlich die eigentliche Macht gehört. Sie bleiben die grauen Akteure in einer großformatigen Kulisse aus roten Podesten, die Stufen sind und Stände markieren, die sich zum Absturz eignen und mitunter so verschieben, als würde ein Schafott niedergehen.

Judith Bohle ist ein Ereignis. Mit ihren Schreien der Verzweiflung, ihrem Hadern und Umgarnen, ihrem Hass und Machtwillen, ihrer Bösartigkeit. Solchen Menschen möchte man ungern begegnen. Bohle aber lässt uns mit der Vermutung zurück, dass wir es trotzdem wagen würden. Gegen diese gefühlsstrotzende Rolle hat es Elisabeth naturgemäß etwas schwerer. Minna Wündrich schert das wenig. Sie misst sich nie an der Kontrahentin, sondern zeigt uns bei aller Gefasstheit, welche Konflikte sie selbst mit sich auszutragen hat. Nur sind diese nach Innen verlegt; wie etwa die, die kinderlos bleiben will, sich mit dem französischen Thronfolger zum vermeintlichen Wohle des Landes vermählen soll, wie sie das Recht zur Königin nur mit einem Höchstmaß an Tugend erwirken kann. Tragisch sind beide. Opfer und Täter zugleich. Geliebt und gehasst, ausgebeutet und ausbeutend. In diesem Menschheitsdrama kann es weder Siegerin noch Verliererin geben. Auf dem Blutgerüst wird am Ende nur ein Zwischenstand exekutiert.

 Hildegard Knef darf auch den Abgesang liefern. Rote Rosen also zum herben Abschied einer großen Inszenierung, in der Regisseurin Laura Linnenbaum wie zuletzt schon bei „Die Wand“ dem Wort vertraut und auf die Kraft des Spielens setzt. Eine erneut berückende Idee.