Düsseldorf: Düsseldorf: Stück zur Finanzkrise uraufgeführt

Düsseldorf : Düsseldorf: Stück zur Finanzkrise uraufgeführt

Das Publikum ist vorgewarnt: Ohne Handtasche, am besten nicht in Röcken in die Vorstellung zu gehen. Kurz vor halb acht schiebt man sich vor, Gedränge auf der Hinterbühne, jetzt bleiben alle erst mal stehen, später gibt es weitere Ortswechsel. Das Weltuntergangsstück zur Finanzkrise soll trotz mythologischer Anklänge in unserem Jahrzehnt verhandelt werden. Wir stehen mit einem Fuß im alten Griechenland und mit dem anderen in Berlin-Mitte. Sie habe Sehnsucht nach politischer Stellungnahme gehabt, sagt die 33-jährige Tine Rahel Völcker, die "Kein Science Fiction" für das Düsseldorfer Schauspielhaus aufschrieb. Ihr Stück war erst im letzten Moment fertig – sicherlich mit ein Grund für die unausgegorene Inszenierung und die Längen. Am Samstag war Uraufführung: schwacher Applaus.

Auf der Bühne sieht man einen entgleisten Zug, der zur Todessprungschanze umgebaut wird. Gemeinsam mit Hausregisseurin Nora Schlocker (28) hat Völcker Situationen isoliert und zugespitzt, um Systemkritik zu üben. Indes: Es fehlt der rote Faden. Agamemnon agiert als Finanz-Boss, die Gier im Blick, Menschenschinder ist er. Depressionen und Suizide von Arbeitsmenschen kennzeichnen die Situation auf der anderen Seite. Kassandra ist auch vor Ort, die missverstandene Unheilskünderin. Eine andere Frau heißt Kafka, ein Krieger ist zugleich Fremder, und der griechische Chor wurde zum "Kampfbund für Europa" umfunktioniert. Die sperrigen Dialoge, der Prolog und der Epilog, wollen keine Sprengkraft entfalten. Gelesen ist der Text aussagekräftiger.

Wir hören überspitzte Anspielungen, denken an Burnout, Vereinzelungs- und Integrationsprobleme, an Rechtsruck und völkerstaatliche Katastrophen. Am Ende sind die Schauspieler die Trümpfe, sie erweisen sich in verschiedenen Rollen so stark und vielseitig, dass sie für den schwachen dramatischen Rahmen entschädigen: Xenia Noetzelmann als drängend-düstere Kassandra, Ingo Tomi als wieseliger Fiesling Agamemnon, Elena Schmidt als seine schrille Mutter. Vierter im Bunde ist Aleksandar Radenkovic – wie in "Hamlet" wieder eine Lichtgestalt auf der Bühne.

Kartentelefon: 0211 - 369911.

(RP)
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