Igor Levit in der Tonhalle Düsseldorf Brahms und Bartók heiter bis wolkig

Düsseldorf · Der Star-Pianist Igor Levit breitete in seinem Düsseldorfer Konzert ein ganzes Kaleidoskop an Farbtupfern und Klangschattierungen aus. Zwischen ihm und dem Spiel des NDR Elbphilharmonie Orchesters lagen allerdings Welten.

 Der Star-Pianist Igor Levit.

Der Star-Pianist Igor Levit.

Foto: dpa/Jens Büttner

Beim Musizieren auf Meisterkonzert-Niveau kann es erstaunlich große Unterschiede geben: Grundsolide sind Darbietungen der von Heinersdorff in die Tonhalle geladenen Solisten und Ensembles immer. Doch manche Leistungen reißen geradezu vom Stuhl, während andere eher zum Zurücklehnen einladen. Das jüngste Konzert des NDR Elbphilharmonie Orchesters unter der Leitung von Alan Gilbert bot beide Varianten an einem Abend, sogar während einer Komposition.

Igor Levit war Solist im 3. Konzert für Klavier und Orchester Béla Bartóks. Schon in den flirrenden Unisono-Passagen der ersten Takte zeigte der Pianist erheiternden Spielwitz. Schnell wurde klar: Hier hat jemand etwas Besonderes vor und besitzt ein originelles Konzept als Ergebnis intensiver Beschäftigung mit dem Werk. Nun hat Bartók aber mit dem Orchesterpart keine bloße Solisten-Begleitung geschrieben, sondern in der Tradition des symphonischen Konzerts der Romantik musikalische Dialoge zwischen Klavier und Orchester ausgearbeitet.

Zwar breiteten die Elbphilharmoniker einen schönen, satten Sound aus und waren um keine sauberen Bläsersoli verlegen, doch hinsichtlich gestalterischer Eloquenz lagen zwischen Klavier und Orchester Welten: Levit breitete ein ganzes Kaleidoskop an Akzenten, Farbtupfern und Klangschattierungen aus. Nach der konzertanten Logik müsste nun eine orchestrale Instrumentengruppe nach der anderen schlagfertig darauf parieren. Doch die Antworten des Orchesters auf die Fragen des Klaviers wirkten nur wie ein blasses Echo. Es wirkte so, als habe man nie zuvor miteinander geredet.

Für den sehr kräftigen Beifall bedankte sich der Solist mit einer sehr intimen Zugabe und erkor dazu ein kurzes Spätwerk von Johannes Brahms: dessen Intermezzo A-Dur op. 118 Nr. 2. Levit gelang es, nach dem turbulenten Bartók-Schluss inmitten des vollbesetzten Saals und von Orchestermusikern bevölkerten Podium die Stimmung eines stillen Kämmerleins zu erzeugen. Levit hatte die Ruhe weg, versenkte sich in die tiefe Seelenlyrik des alten Brahms und ließ für eine Weile die Zeit stehen.

Nach der Pause gab es abermals Brahms, diesmal seine 1. Symphonie. Die heimliche Hoffnung, Gilbert und die Elbphilharmoniker hätten sich tiefer in Brahms als in Bartók hineingearbeitet, wurde ein wenig enttäuscht. Zwar boten der amerikanische Dirigent und das norddeutsche Traditionsorchester die Symphonie spieltechnisch einwandfrei und mit vollem, warmem Klang, wie er zu Brahms passt; doch entwickelte sich nur eine respektable Darbietung ohne Höhen und Tiefen. Man wählte gemäßigte Tempi, arbeitete artig jedes Detail heraus, aber das Orchester aus der Brahms-Stadt Hamburg schlüpfte nicht gerade in die Botschafter-Rolle. Dafür wirkte die Interpretation nämlich zu wenig individuell und sendungsbewusst. Breit wie ein Eichenschrank erschien der Finalsatz. Erst zum Schluss gab Gilbert etwas Gas, wodurch zumindest in der Zielgeraden noch einmal Dynamik ins Geschehen kam. Für den Beifallsjubel spielte man als Zugabe wieder Brahms: den 5. Ungarischen Tanz.

Meistgelesen
Neueste Artikel
Zum Thema
Aus dem Ressort